Monte Carlo – Es war spät, an der Außenbar des „Jimmy’z“ von Monte Carlo mixten aber noch immer ein paar Barkeeper Drinks. Also grübelte der Mann im Smoking laut vor sich hin: Espresso oder einen Whiskey Sour? Er konnte sich an diesem Abend wirklich mal was gönnen. Es handelte sich um Roger Federer, der bei der Laureus Gala ein paar Stunden zuvor mit zwei Awards der große Abräumer war. Alles Roger, so das Motto im Fürstentum.
Die Nummer 1 der Tenniswelt sei ein „Phänomen“, sagte Boris Becker am Rande der Gala, „seine Leistungen seit 15 Jahren sind nicht normal. Wir können unseren Kindern einmal erzählen, dass wir so einen Mann spielen gesehen haben. Es wird nie wieder einen wie ihn geben.“ Für Becker gibt es aktuell „keinen Sportler auf der Welt, der so populär ist wie Federer – da kannst du alle Messis, Ronaldos in einen Topf werfen“. Er ist nun auch nicht umsonst mit seinem fünften Triumph als Weltsportler der alleinige Rekordhalter der Awards. Dass der Hollywoodstar Benedict Cumberbatch, der die Gala moderierte, den Schweizer in einem Atemzug mit Gastgeber Fürst Albert II und sogar dem gleichen Ehrentitel („seine Exzellenz“) begrüßte, passte da nur zu gut ins Bild.
Vieles drehte sich um den Tennis-Star, aber nicht alles. Zu Laureus gehören auch die rührenden Momente, die der Sport den Menschen schenkt, die Stiftung engagiert sich das ganze Jahr für benachteiligte Kinder, denn Sport ist mehr als nur die Jagd nach Rekorden. Der ganze Saal hielt inne, als zwei Überlebende der Fußballmannschaft von Chapecoense auf der Bühne für ihr Durchhaltevermögen, für ihren Neuanfang und das Andenken ihrer bei einem Flugzeugabsturz verstorbenen Gefährten geehrt wurden. „Ich lebe jetzt jeden Moment bewusster. Der nächste Tag – für manche kommt er nicht“, sagte Jackson Follmann, dessen rechter Unterschenkel amputiert werden musste, seitdem kann er nicht mehr im Tor stehen. „Dieser Award ist eine Ehre und ein Tribut an alle, die von uns gegangen sind.“ Als er von der Bühne humpelte, erhob sich der Saal für stehende Ovationen.
Auch dem Footballer J.J. Watt (Houston Texans) zollte das gesamte Publikum ehrenvollen Applaus. Er erhielt den Sonderpreis für Inspiration, weil er nach der Flutkatastrophe in den USA über 20 Millionen Dollar für die Opfer gesammelt hatte. „Wir leben in einer negativen Welt, aber es gibt so viel Positives“, sagte er, „wir Athleten haben eine große Bühne, die sollten wir nutzen. Wir haben eine Verantwortung in der Gesellschaft. Ich habe nichts Besonderes gemacht – ich habe den Menschen nur eine Option gezeigt.“ Keiner hatte es an dem Abend präziser auf den Punkt gebracht, für was die Laureus-Stiftung stehen will.
Es war heuer eine ernstere Veranstaltung als in den Jahren zuvor, was zeitgemäß ist, denn der Sport steht vor neuen Herausforderungen in unruhigen Zeiten. Werden sich mehr Stars ihrer Verantwortung bewusst, könnte das viel bewirken. Es schadet nicht, mündig zu sein und für Dinge einzustehen. Sympathieträger wie Federer haben Strahlkraft – und da ist es freilich auch in Ordnung, sich nachts an der Bar mal etwas zu gönnen.