Acapulco – Wenn der Direktor eines Turniers ein paar Stunden vor dem ersten Auftritt seines Stars mit selbigem im Interviewraum erscheint, dann weiß man, was das zu bedeuten hat. Nach ein paar einleitenden, mitfühlenden Sätzen von Raul Zurutuza, dem Chef der Abierto Mexicano, übernahm Rafael Nadal das Wort und erklärte, er habe alles versucht, um in Acapulco in bester Form antreten zu können, aber im letzten Training am Tag zuvor habe er einen Schmerz im rechten Oberschenkel gespürt, ähnlich dem Schmerz, der ihn im Viertelfinale der Australian Open Ende Januar zur Aufgabe gezwungen hatte. Und die Ärzte hätten ihm nach der ersten Untersuchung geraten, nicht zu spielen. „Es bleibt mir leider nichts anderes übrig“, sagte er, „andernfalls würde ich riskieren, dass die Sache schlimmer wird. Es war einfach Pech.“
Eine Verletzung ersten Grades des Hüftbeugers (Iliopsoas) im rechten Bein war nach Nadals Aufgabe im fünften Satz gegen Marin Cili war in Melbourne als Diagnose von Nadals Mangement bekanntgeben worden. Es fühle sich ansatzweise wieder so an, erklärte Nadal nun an diesem Nachmittag, aber es seien weitere Tests nötig, und dazu werde er noch ein paar Tage in Acapulco bleiben. Nach der ersten Untersuchung hätten ihm die Ärzte allerdings Mut gemacht, die Verletzung sei vielleicht weniger schlimm als beim letzten Mal. Aber ob Geschichte vom Unfall beim letzten Training wirklich alles ist?
Erst vor einer Woche hatte in Cozumel an der Mexikanischen Karibikküste, wo ihm ein Hotel gehört, mit ernsthaftem Training begonnen. Nach seiner Ankunft in Acapulco sagte er, er sei erstmal glücklich, da zu sein und hoffe, dass er für das Turnier bereit sein werde. Das hofften Raul Zurutuza und dessen Mannschaft auch, denn zur 25. Auflage des Turniers wollten sie den Leuten das Beste bieten; mit fünf Spielern aus den Top Ten war das Turnier in Mexikos bekanntester Badestadt zu Beginn deutlich besser besetzt als das auch in dieser Woche stattfindendem gleichrangige Turnier in Dubai. Aber Nadal wirkte von Anfang an noch weniger entspannt als sonst, und es sah nicht danach aus, als gehe es ihm richtig gut.
Das ist offensichtlich schon länger nicht mehr der Fall. Nach dem Finale des Turniers von Shanghai Mitte Oktober gegen Roger Federer war er mit Kniebeschwerden aus dem Interviewraum gehumpelt, und danach zog er bei allen geplanten Turnieren entweder vorher zurück (in Basel, Brisbane und jetzt in Acapulco) oder er gab während der Woche auf (in Paris-Bercy, bei den ATP-Finals in London und in Melbourne).
Die Führung in der Weltrangliste ist er seit Beginn dieser Woche ohnehin los, überholt von Roger Federer nach einem überraschenden und erfolgreichen Start beim Turnier in Rotterdam. Am Dienstag lagen Welten und ein Ozean zwischen den freundschaftlich verbundenen Rivalen: In Monte Carlo wurde Federer bei der Verleihung der Laureus-Preise als Sportler des Jahres 2017 und als Sportler mit dem eindrucksvollsten Comeback ausgezeichnet, Nadal saß derweil in Acapulco geknickt neben einem mitleidenden Turnierdirektor.
Ob sich der Schweizer und der Spanier in der kommenden Woche beim Masters-1000-Turnier in Indian Wells wiedersehen werden, steht in den Sternen. „Ich kann nicht mehr tun als das, was ich mache“, sagt Nadal. „Ich bin keine Maschine. Aber es ist auf jeden Fall nicht die Zeit für drastische Entscheidungen. Wenn ich bis Indian Wells wieder fit bin – fantastisch; bis Miami – gut. Und falls nicht, ist es eben bis zur Sandplatzsaison.“ Dass er vielleicht eine Weile lang keine Chance haben wird, Federer in der Weltrangliste wieder zu überholen, ficht ihn sowieso nicht an. Sagt er. Die Nummer eins stehe nicht oben auf seiner Liste.
Ohne Schmerzen spielen und seinen Körper bis zur totalen Erschöpfung strapazieren zu können, das ist sein Ziel. Die Beschreibung, mit der er sich nach seinem letzten Spiel des Jahres 2017 im November in London verabschiedet hatte, hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren. „Stimmt“, hatte er damals gesagt, „ich bin wahrscheinlich derjenige, der von allen die meisten Verletzungen und Schwierigkeiten in der Karriere hatte. Aber es geht immer um die Herausforderung, damit umzugehen. Ich bin daran gewöhnt, und ich weiß, was ich zu tun habe.“ Bis es irgendwann nicht mehr geht.