Monte Carlo – Mark Spitz wurde bei den Olympischen Spielen 1972 in München mit sieben Mal Gold zu einer Legende, über den Schwimmsport hinaus. In unserem Interview spricht der 68-jährige Laureus-Botschafter aus den USA über die Spiele in Zeiten des Gigantismus.
-Herr Spitz, wie intensiv haben Sie die Olympischen Spiele in Korea verfolgt?
Ich habe so ziemlich alles gesehen, was möglich war, trotz des Zeitunterschieds zu Kalifornien. Ich fand die Snowboard-Rennen zum Beispiel sehr interessant – wie können die Fahrer da bloß die Kontrolle behalten? Das ist unglaublich. Ich würde sterben. Mit Kati Witt habe ich bei den Laureus Awards über Eiskunstlauf gesprochen. Ich verstehe nicht viel von diesem Sport, aber ich habe den Eindruck, dass da technisch ein ganz neues Level herrscht.
-Sie haben den Gigantismus der Spiele der Neuzeit schon oft kritisiert. Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung?
Der Olympische Geist lebt, was die Athleten betrifft. Jeder ist stolz, sein Land zu vertreten. Ich habe mit IOC-Chef Thomas Bach gesprochen, dass es mehr und mehr ein Problem geben wird, einen Ausrichter zu finden, wenn dieser Gigantismus anhält. Es geht immer nur um Deals um Politik, das ist ja kein Geheimnis. Und das ist nicht förderlich. Es ist auch schwierig, sieben, elf oder mehr Jahre im Voraus eines solchen Events die Kosten zu kalkulieren. Und wie soll ich als Bewerber überhaupt den Aufwand im Zuge meiner Bewerbung finanzieren?
-Würden Sie eine neuerliche deutsche Bewerbung gutheißen?
Ich denke, dass es eine gute Idee wäre, wenn Deutschland endlich einmal wieder Olympische Spiele ausrichten würde. Es gibt heute nicht mehr viele Länder, die in der Lage sind, Gastgeber zu sein. Oder noch schwerer: Städte. Wenn ich Los Angeles anschaue: Wir nutzen die Sportstätten bis heute. Aber aus Rio, Athen, überall hören wir die gleichen Geschichten, dass die teuren Anschaffungen längst keinen Nutzen mehr haben. Das IOC muss mehr auf die Infrastruktur der Städte achten. Ich muss sagen: Wenn ich die Spiele zuhause in Los Angeles verfolge – und ich liebe es, Olympia zu schauen –, ist es für mich nicht wirklich notwendig, dass alles an einem Ort stattfindet. Zum Beispiel: Erst sehe ich Schwimmen. Nach der Werbepause geht es dann mit Turnen weiter. Für den Fernsehkonsumenten spielt es keine Rolle, wo der jeweilige Wettbewerb stattfindet: Muss beides in Rio sein? Nein – Turnen könnte etwa auch in Tokio sein. Und Basketball in Detroit/Michigan. Wasserball in Sydney. Es ist nicht wirklich notwendig, alles in einer Stadt zu haben – zumal es für die Städte immer schwerer wird, alles zu stemmen.
-Würde Ihnen persönlich das Herz aufgehen, wenn es doch mal wieder Spiele in München gebe?
München könnte auch wieder Wettbewerbe ausrichten. Das IOC sollte sich öffnen für neue Ideen. Schauen Sie: 1972 fanden die Segelwettbewerbe nicht in München statt. Sondern in Kiel – 500 Kilometer entfernt! Und, ganz ehrlich, es hätten auch 5000 sein können. Ich habe nicht alle Antworten, ganz sicher nicht. Aber es könnte eine Antwort auf die Fragen der Zukunft sein, dass die Olympischen Spiele nicht mehr nur in einer Stadt stattfinden.
-Sie beendeten Ihre Karriere nach München. Mit 22. Warum so früh?
Damals durften wir laut Reglement keine Profis sein. Ich konnte nicht bis Montreal weitermachen, ohne Geld zu verdienen. Heute bekommst du für eine Goldmedaille viel Geld und kannst weitermachen. Ich musste aufhören. Aus wirtschaftlicher Sicht musste ich diesen Weg gehen, meinen Namen zur Marke machen. Ich war da ein Pionier, hatte aber auch Glück. Schwimmen ist ja an und für sich kein sehr telegener Sport, anders als American Football, Baseball, Basketball. Auch beim Golfen ist es anders; ein Turnier geht über mehrere Tage, die Leute lernen die Protagonisten kennen – aber im Schwimmen ist es ein kurzer Wettkampf, und aus. Du bist nicht einmal eine Minute im Becken, dann sprichst du zwei Minuten in Interviews drüber – und dann verschwindest du für vier Jahre von der Bildfläche, bis zu den nächsten Olympischen Spielen. So geht es vielen olympischen Disziplinen im Übrigen. Wenn Schwimmen überleben will, mit Blick auf den Unterhaltungswert, müssen wir hier Events kreieren, die es heute noch nicht gibt.
Interview: Andreas Werner