München – Kaum hatte sie die Bronze-Medaille um den Hals hängen, war die unbeschwerte Olympia-Zeit vorbei für Ramona Hofmeister. Das Abschlusswochenende der Spiele konnte die Snowboarderin aus Bischofswiesen kaum noch genießen, denn plötzlich hatte sie mit ganz anderen Gegnern zu kämpfen: Halsweh, Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. „Das volle Programm“, berichtet die 21-Jährige, die auch fünf Tage nach ihrem Bronze-Coup im Parallelriesenslalom äußerst schlecht bei Stimme ist. Sie krächzt ins Telefon, dass es schon beim Zuhören wehtut. Doch selbst diese leidigen Nachwehen ändern nichts daran, dass sie nachhaltig „überwältigt“ ist von ihren Olympia-Eindrücken, wie sie im Interview verrät.
-Ramona Hofmeister, viele Angestellte kennen das: Der Urlaub beginnt – der Körper streikt. Hängt oft mit mentalem Druck zusammen, der abfällt. Auch in Ihrem Fall?
Bei mir war’s so, dass ich mich schon am Wettkampftag nicht gut gefühlt habe. So richtig los ging’s dann aber erst, als alles vorbei war. Zum Glück erst da, denn sonst wäre ich kaum mit Medaille im Gepäck zurückgekommen.
-Das war Ihr erklärtes Ziel. Haben Sie schon realisiert, dass Ihr großer Traum wahr geworden ist?
Nee, noch gar nicht. Ich konnte es bisher ja auch noch gar nicht richtig feiern . . .
-Weil es Ihnen so schlecht geht?
Ja, leider. Seit dem Rennen bin ich nur krank im Bett gelegen und hab alles verpasst, was man verpassen kann: die Schlussfeier, den Siegerflieger . . .
- Moment mal. Sie konnten nicht mit dem Rest von „Team D“ zurück nach Deutschland fliegen?
Genau. Ich durfte erst einen Tag später zurückfliegen – mehr oder weniger allein. Trotzdem werde ich diese Spiele nie vergessen. Ich bin einfach nur froh und dankbar, dass es mit der Grippe nicht einen Tag früher losgegangen ist. Das wär’ sonst arg ärgerlich gewesen.
-War das schwer für Sie, am Tag des Rennens zu verdrängen, dass Sie sich eigentlich krank fühlen?
Ich hab vor allem versucht, das nicht an die große Glocke zu hängen. In der Früh war ich bei der Physiotherapeutin, um nach einem Halsguddi zu fragen. Vor den Finalläufen wollte sie mir dann noch eins geben, aber da hab ich gesagt: Danke, passt schon. Das stehe ich jetzt auch noch durch.
-Sportlich lief’s ja von Anfang an recht gut. Die Quali haben Sie gewohnt souverän gemeistert.
Genau. Der erste Lauf war gleich super; der zweite bis zur Kuppe auch. Da hatte ich dann einen kleinen Fehler und hab mir gedacht: Schock! Jetzt könnte schon alles vorbei sein. Zum Glück hab ich’s noch gerettet, bin noch Fünfte der Quali geworden. Und ab dem Finale mit den K.o.-Läufen ist eh alles offen.
-Dort hatten Sie dann das Pech, im Halbfinale auf Ester Ledecka zu treffen, den Star der Snowboard- und jetzt auch Skiszene.
Als Pech habe ich das nicht gesehen. Ich hab sie ja schon mal im Weltcup geschlagen. Mein Lauf war leider nicht perfekt, nach einem Fehler war die Geschwindigkeit weg, aber mei. . .
-Sie konnten sich immerhin damit trösten, gegen eine Ausnahmesportlerin verloren zu haben. Gold auf Skiern UND auf dem Board hatte zuvor niemand gewonnen.
Sie ist wirklich eine besondere Sportlerin, aber wenn sie bei uns dabei ist, ist sie eine von uns. Eine sehr starke Konkurrentin, aber auch ein lieber Mensch. Ich habe größten Respekt davor, was Ester da geleistet hat. Ich selber bin nämlich eine ganz lausige Skifahrerin. Ich denke, eine wie die Ester gibt’s kein zweites Mal auf der Welt.
-Und Bronze am Ende war dann okay für Sie?
Absolut. Ich habe in jedem Interview gesagt, dass ich eine Medaille will, und dass ich sie jetzt tatsächlich mit nach Hause gebracht habe, ist unglaublich. So ganz habe ich das aber noch nicht kapiert.
-Abgesehen vom Rennen und der Medaille: Was waren Ihre persönlichen Olympia-Highlights?
Puh, schwer zu sagen. Das waren so viele Eindrücke, so viele Momente, die man mit nach Hause nimmt. Das ging schon bei der Ankunft los, wo man gar nicht wusste, wo was ist, weil alles so groß war. Die riesigen Häuser, die Flaggen überall, das Olympische Dorf. Nie vergessen werde ich auch den Hang, wo unser Wettkampf war. Vom Start aus hat man unten das Ziel gesehen – und die ganzen Leute, die da zugeschaut haben. Das war einfach atemberaubend. Wir haben ja bis oben gehört, wie die uns angefeuert haben. Das waren Gänsehaut-Momente.
-Hat sich denn viel für Sie verändert, seit Sie zurück in der Heimat sind?
Wahrscheinlich schon, aber ich hab ja bisher wenig mitbekommen. Am Flughafen gab’s einen Empfang von Snowboard Germany – sehr süß. Aber ich hab nur die Blumen genommen und bin direkt weiter zum Auto, weil ich nur noch ins Bett wollte. Bei mir zu Hause in Bischofswiesen gab’s dann die nächste Überraschung: Fackeln, Fahnen, Plakate – total schön. Aber länger als zwei Minuten hab ich’s nicht in der Kälte ausgehalten. Mir ging’s da gar nicht gut nach dem langen Flug.
-Und seitdem waren Sie nur im Bett?
Genau – und beim Arzt.
-Normal wären Sie ja jetzt schon in der Türkei, beim nächsten Weltcup. Hat der Arzt Ihnen das ausgeredet? Oder waren Sie selber so vernünftig?
(lacht gequält) Ich hab das schon selber eingesehen . . . Es wäre unmöglich gewesen. Vom Körper her. Vom Kopf her wäre ich schon gerne dabei gewesen, denn ich hab ja meinen zweiten Platz im Gesamtweltcup zu verteidigen. Jetzt muss ich ihn vom Bett aus verteidigen, hilft ja nix.
-Dafür haben Sie im Bett Zeit, die ganzen Glückwunsch-Nachrichten durchzulesen. Waren es denn sehr viele?
Unendlich viele! Leider habe ich es noch nicht geschafft, alle zu beantworten. Aber ich freue mich über jede einzelne – und es war auch viel Lustiges dabei. Ein guter Freund zum Beispiel hat geschrieben: Herzliches Beileid, denn eigentlich müsse ich jetzt meine Karriere. Besser könne es schließlich nicht werden . . .
-Und?
Kommt natürlich nicht in Frage. Nächstes Jahr steht schon wieder eine WM an. In vier Jahren sind die nächsten Spiele – da möchte ich auch wieder dabei sein. Aber mein ganz kurzfristiger Plan schaut so aus, dass ich bis Freitag gerne wieder gesund wäre. Damit ich wenigstens den großen Empfang in Berchtesgaden mitnehmen kann. Ja, und meine Abschlussprüfung zur Polizeimeisterin steht dieses Jahr auch noch aus.
-Auch Ihr WhatsApp-Profil sollten Sie aktualisieren. Das ziert noch immer Ihr Foto von der „Team D“-Kampagne nebst dem Slogan: „Merk dir mein Gesicht!“ Das dürften jetzt die meisten kennen . . .
Das sehe ich dann, wenn ich wieder fit bin. Ich hoffe ganz stark, dass das geklappt hat.
Interview: Uli Kellner