Monte Carlo – Im ersten Moment ist Marcel Desailly verwirrt, der französische Weltmeister hatte am Rande der Laureus Awards noch nichts von der schweren Verletzung seines Landsmanns Kingsley Coman gehört. „Ist er im Bad gestürzt“, fragte der 49-Jährige mit einem Schmunzeln. Dann aber erläuterte er ernst die Folgen für den FC Bayern.
-Herr Desailly, wie sehen Sie die Verletzung Kingsley Kinsgley Coman?
Sie macht mich traurig. Er hat großes Potenzial. Das hat man gesehen, weil er beim FC Bayern von Jupp Heynckes immer regelmäßiger Einsätze bekommen hat. Die Statistiken sprachen für ihn. Man konnte zuletzt generell sehen, dass Bayern langsam wieder zu der Stärke findet, um auch die Champions League gewinnen zu können. Da wiegt Comans Ausfall schwer. Aber sie haben noch Arjen Robben und Franck Ribery.
-Ribery kämpft um einen neuen Vertrag. Hat er noch das nötige Niveau?
Ribery hat noch drei Spielzeiten in seinen Beinen. Der Trainer muss das dosieren, ihm Pausen auf der Bank geben. Dann ist er weiter wertvoll. Er hat noch immer das nötige Niveau, aber es wird ab diesem Alter eine Frage der Physis: 60 Spiele pro Saison auf höchstem Level schafft er nicht mehr. Vielleicht die Hälfte. Wenn die Bayern einen Mann finden, um mit Ribery zu wechseln, sollten sie ein Jahr mit ihm verlängern.
-Wird es für Bayern ohne Coman schwerer, in der Champions League bis zum Ende mitzumischen?
Natürlich. Coman war sehr gut. Aber jetzt muss eben Ribery noch einmal zeigen, was in ihm steckt. Wie viele Spiele sind es noch bis zum Saisonende? Vielleicht 15? Ribery ist ja keine schlechte Alternative, und er hat ein großes Ego, er will es Heynckes sicher auch noch einmal beweisen: Du hast mich zuletzt öfter auf die Bank gesetzt – jetzt habe ich die Chance, dir zu zeigen, dass das ein Fehler war. Speziell jetzt, wo sein Vertrag ausläuft, wird er sich noch extra engagieren.
-Zählen die Bayern zum Kreis der Titelanwärter?
Ja, natürlich. Bayern hat uns alle in den letzten Wochen beeindruckt. Sie haben viel Disziplin auf dem Platz. Man sieht, da hat sich wieder ein Kollektiv gefunden, das aufstrebt. Wir haben als Favoriten Manchester City, Barcelona und Real Madrid – aber auch die Bayern.
-Wie sehen Sie die Situation von Corentin Tolisso, der derzeit nicht so häufig zum Zug kommt?
Es hängt auch immer am Trainer und dessen Philosophie. Heynckes hat in seinem System aktuell keinen Platz für Corentin. Das ist sehr schade, denn das könnte ihn sogar die WM-Teilnahme kosten. Aber wir haben in dieser Saison auch schon gesehen, dass er auf hohem Niveau spielen kann. Als er in Lyon war, wussten wir noch nicht so sicher, ob er so ein Level drauf hat. Er entwickelt sich, und seine Zeit kommt noch.
Interview: Andreas Werner