München – Am 9. März starten in Pyeongchang die Paralympics. Anna Schaffelhuber befindet sich auf der Zielgeraden ihrer Vorbereitung. Im Februar war die 25-Jährige bei den Speed-Weltcups in Kanada, danach trainierte sie noch zuhause, und am Sonntag fliegt die Münchnerin nach Korea. Vor vier Jahren hatte die Monoskibobfahrerin mit fünf Mal Gold alles abgeräumt – entsprechend groß ist der Druck.
-Frau Schaffelhuber, welche Gefühle herrschen kurz vor den Spielen in Pyeongchang in Ihnen vor?
Zwiegespalten. Klar freue ich mich, dass es jetzt dann endlich losgeht. Aber nervös bin ich schon auch. Es muss wieder alles passen.
-Sie sprachen lange vom „Sotschi-Sog“, der Sie nach den Spielen 2014 begleitet hat. Wie groß ist die Gefahr, dass er Sie ausgerechnet jetzt runterzieht?
Es ist eine Gratwanderung. Ich habe mich zwar mit Erfolgen bei der WM von Sotschi emanzipiert, aber es war auch die letzten vier Jahre nie einfach. Ich muss mich immer bestätigen, alles wurde extrem mit Sotschi verglichen – auch ich sehe das immer als meinen Gradmesser an, obwohl es ein absolutes Über-Jahr gewesen ist. Ich habe mich im Herbst selbst ertappt, dass ich mich selber bremsen muss. Ich sage mir jetzt: Diese fünf Goldmedaillen kann mir keiner mehr nehmen. Ich habe meine Geschichte schon geschrieben. Das nimmt mir Druck. Man muss das ja auch mal so sehen: Die Letzte, die vor mir Gold geholt hat, wartet seit acht Jahren – die hat doch viel mehr Druck. Ich kann Sotschi als Belastung sehen – oder als Vorteil ausspielen. Da entscheide ich mich doch lieber für die zweite Variante (lacht).
-Der Kopf ist das größte Problem, oder?
Ja. Wenn ich die Saison mit der von Sotschi vergleiche – damals hat vom ersten Training an alles gepasst –, ist es jetzt schon anders, härter. Und als ich diese Saison anfangs einen Tag verhauen habe, habe ich mir echt einen Kopf gemacht. Ich habe mir dann vorgenommen, ruhig zu bleiben und Schritt für Schritt zu denken. Mir hat mal jemand gesagt: Ein Rennen gewinnt nicht automatisch der mit dem größten Talent, sondern der, der es im Kopf gewonnen hat. Das habe ich anfangs noch nicht zu 100 Prozent verstanden. Jetzt verstehe ich es zu 1000 Prozent.
-Für Sie gilt eigentlich von Beginn an, dass Sie sich nur an Gold messen lassen. Wie geht man damit um?
Auch das ist so eine zweiseitige Geschichte. Aus Medaillensicht muss man Realist sein und sagen: Da kann ich nur verlieren. Noch einmal fünf Mal Gold, das wird wohl nicht funktionieren. Ich muss mir andere Maßstäbe setzen. Als ich bei der WM letztes Jahr in Tarvisio Silber im Super G gewonnen habe, war ich kein bisserl zwider. Wirklich nicht. Weil es an dem Tag meine beste Leistung war, und wenn eine dann schneller ist, hat sie es sich verdient. Ich werde in Korea aber natürlich fünf Mal alles geben, um ganz nach vorne zu kommen. Den Anspruch habe ich.
-Sie haben immer gesagt, es gebe noch Luft nach oben für Sie. Zwischen Training und Wettkampf sei stets eine Lücke.
Ja, aber sie ist kleiner geworden. Nur kann ich heuer schwer sagen, wo ich stehe. Wir hatten extremes Pech mit dem Wetter, gut 15 Rennen sind ausgefallen. Ich bin heuer nur eine Handvoll Weltcups gefahren – und die teils unter Bedingungen, mit denen ich gar nicht zurechtgekommen bin. In der Schweiz hatte ich auch noch einen kapitalen Sturz. Diese Paralympics werden vor allem im Slalom und Riesenslalom definitiv ein Blindflug. Speedrennen bin ich bis Februar kein einziges gefahren. Aber meine Trainingsleistungen sind wirklich gut, die anderen müssen mich erst einmal schlagen. Wobei die Konkurrenz nicht schläft: Mit der Österreicherin Claudia Lösch und im Slalom Anna-Lena Forster aus Radolfzell sind zwei sehr nah an mir dran.
-Nach der WM im letzten Jahr sagten Sie, Sie könnten solche Großereignisse nicht mehr genießen. „Gerne fahre ich nicht hin“, lautete ein Zitat. Fahren Sie jetzt auch nicht gerne nach Pyeongchang?
(schmunzelt) Also, ich freue mich sehr auf die Eröffnungsfeier. Die wird sicher cool. Aber genießen kann ich das alles erst, wenn ich für mich zufriedenstellende Leistungen erbracht habe.
-Was Sie nicht an Medaillen festmachen . . .
Ich habe mir keine fixe Zahl vorgenommen, das stimmt. Das Grobziel ist natürlich immer Gold.
-2016 nahmen Sie ein Jahr der Entschleunigung, sonst hätten Sie es nicht bis nach Korea geschafft. Ist der Kopf wieder frisch?
Ja, seit 2017 sind die Freude und der Elan wieder da.
-Ihre größte Angst ist, nicht zu liefern. Fährt sie weiter mit?
Irgendwo im Hinterkopf immer, ja. Wenn ich sie zu sehr nach vorne lasse, habe ich schon verloren.
-Hassliebe träfe Ihre Beziehung zu Großereignissen am besten, sagten Sie mal. Was ist es jetzt, kurz vor den Spielen: Mehr Hass oder mehr Liebe?
(überlegt, grinst) Schon mehr Liebe.
-Gerd Schönfelder holte einst 22 Medaillen, gewann 16 Mal. Das ist kein Ziel, ihn als erfolgreichsten Athleten abzulösen?
Nein, gar nicht. Das war es nie und wird es auch nie. Da müsste ich ja noch zehn Jahre dranhängen. Und ohne Gerd zu nahe zu treten: Es ist schwerer geworden. Alles ist heute viel professioneller, was ja gut so ist. In Gerds Klasse wäre es heute zum Beispiel brutal schwer.
-Bei der WM letztes Jahr war Deutschland mit 14 Medaillen und fünf Mal Gold die beste Nation. Was bedeutet das für Korea?
Das wusste ich nicht mal. Es bedeutet natürlich, dass etwas von uns erwartet wird. Es gibt aber auch Selbstbestätigung. Die Spiele in Korea werden sehr speziell, deshalb sollte man von der WM nichts ableiten. Aber wir reisen mit hohen Ansprüchen an, klar.
-Wie steht es um die Nachwuchsförderung?
Die Möglichkeiten werden besser. Aber man kann noch viel mehr machen. Ich fände es wichtig, dass Athleten aus dem B- und C-Kader die gleichen Möglichkeiten wie die aus dem A-Kader bekommen. Sie trainieren genauso hart und würden gerne noch professioneller werden. Mein Appell ist, im Nachwuchsbereich ein besseres System einzuführen. Wenn ich unseren aktuellen Nachwuchs sehe, sehe ich extrem schwarz. Sollten theoretisch nach den Spielen alle aufhören, gäbe es kein deutsches Team mehr. Da muss man eine Linie finden, eine Struktur.
-Früher sammelten Sie mit einer vierwöchigen Wohnwagen-Tour durch Norwegen Kraft. Diesmal hatten Sie vor den Spielen eine Auszeit in Burma geplant. Hat das geklappt?
Leider nicht, aber ich war drei Wochen in der Bretagne. Das war auch super. Die Klippen an der Küste rauf und runter zum Training. Ich war extrem viel draußen und hatte gleichzeitig meine Ruhe. Burma ist aufgeschoben, aber ganz sicher nicht aufgehoben.
-Mit was wären Sie in Korea zufrieden, und mit was glücklich?
Zufrieden mit Leistungen, an denen ich selber nichts auszusetzen hätte. Glücklich mit mindestens ein Mal Gold.
Interview: Andreas Werner