-Herr Lemer, über Ihrem Schreibtisch hing lange die liebevolle Zeichnung eines Pferdes.
March Mahal, unser erstes Rennpferd. Ein Kollege hatte die Mutter, die wir dann dem Züchter übergeben haben. Wir bekamen dafür das erste Fohlen.
-Lebt March Mahal noch?
Leider nicht. Das Pferd war Jahrgang 1982, es wäre jetzt 36. So alt wird ein Pferd nicht.
-Was hat es an Unterhalt gekostet und was eingetragen?
Pferde müssen im Galopprennsport bei einem lizenzierten Trainer stehen, das kostete im Monat etwa 1500 D-Mark. In fünf Jahren, in denen es gelaufen ist, hat es 60 000 bis 70 000 Mark gewonnen. Es war kein ganz hochklassiges Pferd, hat aber zehn Rennen gewonnen – und nicht nur Flachrennen, sondern auch Hürden- und Jagdrennen.
-Ist ein Pferd Sportkamerad oder Sportgerät?
Für uns war es ein Pferd, mit dem wir auch unsere Freizeit verbracht haben, das zur Familie gehört hat. Wir haben es nicht als etwas betrachtet, das großen Profit abwerfen muss. Man freut sich über Gewinne, Siege, Platzierungen – aber dass man über Nacht reich werden könnte, ist eine Mär. Vielleicht hat man über die Jahre etwas draufgezahlt, aber jedes Hobby kostet Geld.
-Pferdesport ist ein weites Feld, und ein Galopper kann nicht in der Dressur eingesetzt werden. Woran erkennt man, wofür welches Pferd geeignet ist?
An der Rasse. Die ganz schnellen, die Galopper, sind eine Vollblutrasse, abstammend ursprünglich von nur drei arabischen Hengsten. Man sagt, Vollblüter stehen hoch im Blut, sie sind wendig und grazil gebaut. Verglichen mit der nächsten Rasse, dem Warmblüter: Der ist schon wesentlich stämmiger und wird fast ausschließlich im Spring- und Dressursport eingesetzt; manchmal versucht man, Warmblüter durch eine Auffrischung mit einem Vollbluthengst wendiger zu machen. Und der Traber ist eine Zwischenrasse, speziell gezüchtet für den Sport. Dann gibt es noch Kaltblüter, die verwendet man als Arbeitspferde.
-Klare Trennlinien.
Eine Einkreuzung von anderen Rassen ins Vollblut ist nicht zulässig, und es muss eine Berechtigung aufgrund guter Leistungen vorliegen, dass ein Vollbluthengst sich überhaupt fortpflanzen darf. Im Vollblutsport wird übrigens auch ein Natursprung verlangt, die Stute muss natürlich gedeckt werden.
-Normal erfolgt die Fortpflanzung weniger romantisch?
Bei Trabern ist sie sehr unromantisch. Da wird dem Hengst Samen abgenommen, portioniert und eingefroren und der Stute eingeführt. Kein leichtes Verfahren, die Spermien aufzutauen und am Leben zu halten. Ich habe das beim Tierarzt mal gesehen.
-Sind Hengste leistungsfähiger als Stuten?
Grundsätzlich ja. Mit Ausnahmen. Der letzte deutsche Prix de l’Arc de Triomphe-Sieger war eine Stute, Danedream. Hengste haben in klassischen Rennen den Nachteil, dass sie zwei Kilo mehr tragen müssen. 58 Kilo für Sattel plus Jockey, die Stute nur 56.
-Wann haben Sportpferde ihre beste Zeit?
Je höher gezüchtet, desto früher. Ein Vollblüter wird schon einjährig, wenn er noch gar nicht ausgewachsen ist, antrainiert. Etwa ein Drittel läuft schon zweijährig, wo das Pferd eigentlich noch in der Entwicklung ist. Den Leistungshöhepunkt erreicht es drei- und vierjährig. Ab fünf lässt die Schnelligkeit oft schon wieder nach. Ein sieben- bis elfjähriger Galopper ist eine extreme Ausnahme. Der Traber ist ähnlich gelagert, aber länger leistungsfähig. Das Derby hat auch er als Dreijähriger.
-In der Dressur findet man 16-, 17-jährige Pferde.
Das ist das Maximalalter. Bei solchen Pferden beginnt erst mit fünf, wenn sie gut ausgewachsen sind, die Ausbildung. Unmöglich, dass ein späteres Spring- oder Dressurpferd mit drei Jahren schon im Einsatz wäre.
-Wir in der Redaktion haben bei Pferdesportartikeln terminologische Fehler gemacht. Welcher war der schlimmste?
Trab und Galopp zu verwechseln. Als würde man im Skirennsport Abfahrt und Slalom verwechseln. Eine Trabrennbahn ist in der Regel eine Sandbahn, eine Galopprennbahn hat meist Gras als Untergrund, und der Steuermann sitzt im Sattel und beim Trab im Wägelchen dahinter, im Sulky. In München gilt: Daglfing ist Trab, Riem ist Galopp.
-Welcher Pferdesportler nötigt Ihnen den größten Respekt ab?
Da gibt es kein Vertun: der Jockey. Er ist ein Hochleistungssportler und lebt asketisch, um sein Gewicht zu bringen. Und wenn man genau hinschaut: Er sitzt nicht im Sattel – er steht auf dem Sattel. In den Steigbügeln, die bei guten Jockeys noch höher liegen als die Körpermitte des Pferdes – dadurch entlasten sie das Pferd noch mehr. Das ist wie auf einem Katapult, und es gibt keinen Jockey, der nicht x-mal aus dem Sattel geflogen wäre. Der Trabrennfahrer sitzt hinterm Pferd, er muss es halt steuern können, braucht taktisches Geschick, damit hat es sich aus sportlicher Sicht schon. Ich bin ja selbst gefahren – und nicht der Sportlichste.
-Springreiter können, wie einst Hugo Simon, noch mit über 60 spitze sein.
Sich im Sattel zu halten, in einem relativ bequemen Sitz, ist sicher nicht so schwer und deshalb auch für ältere Semester möglich. Wobei es eine Rolle spielt, wie der Reiter sich im Sattel mit dem Pferd übers Hindernis bewegt. Man kann das Pferd fast mit in die Höhe heben, es entlasten – oder ihm ins Kreuz plumpsen und es so behindern.
-In der Besitzerszene findet man Fußballstar Thomas Müller. Seine Frau reitet Dressur, er begleitet sie zu Turnieren.
Der Müller ist im Zuchtgeschäft dick drin, studiert sogar Zuchtbücher – und durch sein Hobby ist er so stark an den Standort München gebunden, dass er nur unter Schwierigkeiten weg, also den FC Bayern verlassen könnte.
-Andere Fußballer kaufen Galopper. Didi Hamann etwa.
Ich denke, er ist vor allem als großer Wetter in Erscheinung getreten. Das Wetten war auch bei mir der Einstieg. Macht man das regelmäßig auf der Rennbahn, bekommt man unweigerlich Kontakt zu Besitzern, Trainern, Jockeys.
-Ist der Rennsport ehrlich – oder doch sehr manipulationsanfällig?
Hundertprozentig ehrlich ist er nicht. Wetten verleitet dazu, Rennen zu manipulieren, vor allem bei den Alltagsrennen. Hochklassig ist es so, dass die Rennpreise und das zu erwartende Renommee dafür sorgen, dass ehrlich gelaufen wird.
-Wie erkennt man Manipulation?
Ich habe schon öfter den Satz gehört: „Das Pferd ist so stark, wir können Dritter werden.“ Eine beliebte Spielart. Weiß ich, wer Dritter wird, ist die Wette leichter aufzubauen als über die Annahme und Vermutung, wer Sieger wird. Eine gängige Methode ist auch, ein hoch gewettetes Pferd im Rennen zurückzuhalten: zu spät angreifen, auf der Zielgeraden auffahren. . . Vielleicht kommt der schlechte Ruf des Pferderennsports daher, dass es früher der einzige Sport war, auf den man offiziell wetten konnte.
-Immer weniger wetten auf Pferderennen.
Es ist massivst zurückgegangen. Nehmen wir Daglfing. Anfang der 80er-Jahre: über 80 Renntage pro Saison, Gesamtwettumsatz 84 Millionen Mark. Heute: 19 Renntage. 1,5 Millionen Euro. Auch die Rennpreise sinken, und man kann selbst mit einem guten Traber nicht erwirtschaften, was er an Unterhalt kostet.
-Springen und Dressur betrifft der Einbruch nicht.
Sie florieren, die Auktionen von Pferden bieten da nach wie vor hervorragende Preise.
-Ein starkes Finish im Galopp steht Ihnen aber schon näher als die gepflegte Piaffe im Dressur-Rechteck, nicht wahr?
Absolut. Dressur ist eine etwas eintönige Veranstaltung, nur die Kür kann man freier gestalten. Will ich das Spannungsmoment haben, geht nichts über Rennsport, auch wenn ich als Wetter nur fünf Euro mitlaufen habe.
-Was wir ansprechen müssen: Bei einem Journalisten-Trabrennen in Pfaffenhofen vor 18 Jahren hat es Sie sauber zerlegt.
Die Hopfenmeile war eine spezielle Bahn. An ihrer welligen Linienführung lag es auch, dass ich zu Sturz kam. Vor mir fädelten zwei mit ihren Sulky-Rädern ein, ich wollte innen vorbei, habe aber auch eingefädelt – und dann kam die Katapultwirkung, ich bin heftig aufgeprallt auf dem Betonstreifen, der um die Bahn herum ist. Ich bin kurz ins Krankenhaus, um die Abschürfungen verbinden zu lassen. Der Arzt hat gesagt, es würde Spuren nach sich ziehen, die ich dann gemerkt habe am nächsten Morgen. Zum Aufstehen hätte ich mir einen Kran gewünscht. Die Prellungen waren gewaltig.
-Das Karriereende im Sulky?
Ja, aber nicht aus Angst, sondern weil keine Presserennen mehr stattgefunden haben.
Das Interview führte Günter Klein