„Wir nehmen es auf die Freiburger Art“

von Redaktion

Jochen Saier, Sportvorstand des SC, über den Verlust von Leistungsträgern – und die große Ausnahme Nils Petersen

München – Vor einem Jahr um diese Zeit stand der SC Freiburg im gesicherten Mittelfeld und hatte mit Vincenzo Grifo und Maximilian Philipp begehrte Offensivkräfte. Beide spielen heute woanders, in Mönchengladbach und Dortmund. Vor dem Spiel gegen den FC Bayern spricht Jochen Saier, Sportvorstand des Sportclubs, über die ständige Erneuerung, die von ihm verlangt wird, und die ungewöhnliche Treue des Leistungsträgers Nils Petersen.

-Herr Saier, der SC bringt regelmäßig Top-Spieler hervor – und verliert sie bald wieder. Ist das für einen Sportvorstand ein normales Szenario?

Das gehört ein Stück weit dazu. Bis auf den Klub, der jetzt zu uns kommt, erleiden in der Bundesliga alle dieses Schicksal. Wir versuchen von Jahr zu Jahr die Rahmenbedingungen zu verbessern und die Jungs ein Stückchen länger zu halten. Aber auch letztes Jahr hat es uns wieder getroffen. Wir versuchen, es auf die Freiburger Art zu nehmen. Verhindern können wir es nicht, aber international kann das nicht mal Borussia Dortmund.

-Wie sieht die Freiburger Art aus?

Für uns geht es darum, mit so einem Transfer richtig umzugehen. Philipp war für uns ein finanziell großer Transfer (Anm. d. Red.: rund 20 Millionen Euro Ablöse) – aber sportlich bitter. Dieses Geld haben wir wieder in mehrere junge Spieler reinvestiert. Philipp ging anders, als er kam. Diese Qualität können wir nicht einkaufen, die müssen wir schon selber entwickeln. Das ist das Ziel. Mit Phantasie zwei, drei gute Transfers zu schaffen, die wiederum das Potenzial zu einer derartigen Entwicklung haben. Ich glaube, Freiburg ist ein sehr fruchtbarer Standort für solche Jungs.

-Es gibt leichtere Wege.

Es ist ein anstrengender Weg, in der Tat. Aber auch ein sehr spannender.

-Besetzt Freiburg noch eine Nische?

Diese Positionierung als Ausbildungsverein ist keine Nische mehr. Mittlerweile haben viele nachgezogen und machen flächendeckend gute Arbeit. Aber wenn ein Spieler sich die entscheidenden Fragen stellt – wo kann der Schritt in die Bundesliga gelingen, in welchem Umfeld, mit welcher Ruhe und Nachhaltigkeit wird gearbeitet? –, ist es bei uns sicherlich ein Stück leichter als zum Beispiel bei unserem nächsten Gegner. Und natürlich stellt sich immer die Frage, welche Kontinuität und Verlässlichkeit ich hier habe. Es gibt viele gute Dinge, die für uns sprechen. An denen müssen wir weiter beharrlich arbeiten. Dann gibt es in der Bundesliga auch einen Platz für den SC Freiburg. In den letzten 25 Jahren waren wir 18 Jahre erstklassig.

-Nicht jeder Verein wird gerne Ausbildungsverein genannt. Sie tragen den Titel mit Stolz?

Wir tragen ihn mit Stolz, aber unser Ziel ist auch die Weiterentwicklung. Wir wollen die Jungs nicht nur nach oben bringen, und wenn sie eine gute Saison gespielt haben, werden sie uns rausgerissen. Wir wollen sie länger halten.

„Streich tut dem Standort total gut“

-In München gibt es neben den Bayern auch noch den TSV 1860. Es ist ein beliebtes Spiel, aus Ex-Löwen eine Mannschaft zu formen. Das können Sie auch.

Natürlich macht es einen glücklich, wenn die Champions League-Hymne läuft, und man sieht Jungs, die bei uns einen guten Weg eingeschlagen haben. Wenn ich unsere Best-of-Mannschaft der letzten Jahre nehme, hätte ich nicht unbedingt den Eindruck, dass wir erster Abstiegskandidat wären. Das ist das Pfund, mit dem wir wuchern können.

-Ein ambitionierter Verein wie Hoffenheim erlebt gerade, wie schwierig es ist, wenn reihenweise Top-Spieler abgeworben werden. Warum gelingt diese Erneuerung dem SC immer wieder so gut?

Das ist harte Arbeit. Diese Lust drauf, sich immer wieder als Trainerstab komplett auszuschütten in neue Spieler. Nicht daran zu verzweifeln, sondern es ein Stück weit als standortgegebener Faktor hinzunehmen. Sisyphusarbeit, natürlich, aber daraus kann man ja auch Freude und Kraft ziehen. Wir würden uns nicht dagegen sperren, auch vermehrt etablierte Spieler zu holen. Aber wir können es nicht.

-Der SC Freiburg ist einer dieser Vereine, die bei den meisten Menschen auf grundsätzliche Sympathie stoßen. Klein, aufgeweckt, kreativ. Es gibt nicht viele Leute, die Ihren Klub mit Inbrunst ablehnen. Ist das der Ort, den Sie im Fußball weiterhin anstreben, oder geht es auch in Freiburg immer um Wachstum?

Das ist ein total guter Ort. Aber dieses Gefühl, das Sie beschreiben, fällt ja nicht vom Himmel. Die Leute merken, dass wir hier keine Reißbrettstrategie haben. Es hat sich aufgrund der handelnden Personen einfach entwickelt. Angefangen vor 25 Jahren mit unserer Art des Fußballs, mit Volker Finke. Aber für uns geht es natürlich auch um Wachstum – um gesundes, organisches Wachstum. Wir sind nicht die isolierte Insel der Glückseligen, die immer bleiben kann, wie sie ist. Wenn man sich umguckt, ist um uns herum wahnsinnig viel Tempo drin. Deshalb gehen wir auch diesen Schritt mit dem neuen Stadion. Aber alles Schritt für Schritt. Wir müssen nicht jedem Trend hinterherhecheln.

-Vergangene Woche hat Nils Petersen seinen Vertrag verlängert. Würden in Freiburg die üblichen Branchengesetze gelten, hätte er im Sommer nach Hoffenheim oder Gladbach wechseln müssen.

Das ist eine besondere Geschichte. Und es ist in den letzten Jahren auch eine besondere Zusammenarbeit gewesen. Klar hätte Nils ziemlich viele Optionen gehabt- um nicht zu sagen: sehr viele. Aber er ist auch keine 22 mehr. Er steckt in einer anderen Phase und hat schon ein paar andere Schleifen gedreht. Er war bei Bayern, er war bei Bremen. Zu sagen, er hat hier sein Glück gefunden, ist vielleicht ein bisschen dick aufgetragen. Aber an einem gewissen Punkt ist der Tausch „Geld für Zufriedenheit“ der völlig falsche. Ich glaube, diese Abwägung hat Nils auch umgetrieben. Auch wir bezahlen gutes Geld, und klar ist natürlich, dass Nils bei seiner Verlängerung keinen kleineren Vertrag unterzeichnet hat. Am Ende hätte er woanders natürlich mehr verdienen können. Aber es ging ihm auch darum, welchen Stellenwert er hat, wie zufrieden er hier ist, wie der Verein tickt, wie er tickt. Ich glaube, das ist ziemlich deckungsgleich.

-Haben Sie selbst daran geglaubt, dass Ihnen dieser Abschluss gelingt?

Bei ihm ist es speziell. Nach dem Abstieg 2015, als sein Leihvertrag auslief, haben wir ihn offiziell verabschiedet. Da habe ich an seinem Blick schon gesehen, dass er etwas verwundert war, was wir da gerade tun. An diesem Abend haben wir geredet, da meinte ich: „Wenn es irgendeine Chance gibt, lass es uns ausloten.“ Am Ende kam er fest zu uns und hat mitgeholfen, dass wir sofort wieder aufsteigen.

-Nach der Unterschrift hat er jetzt zur Begründung gesagt: „Das Umfeld tut mir ausgesprochen gut.“ So argumentieren Fußballer eigentlich nicht.

Er aber schon. Er muss das Gefühl haben, er ist am richtigen Ort. Da zählt nicht die Maßgabe, welche Summe X kriege ich netto mehr. Es geht ihm da um ein Gefühl, um eine Wertschätzung. Heimat ist ein zu großer Begriff, aber sich total am richtigen Ort zu fühlen und über diese Freude eine bessere Leistung zu bringen, ist schon auch entscheidend für einen Fußballer.

-Sein berühmtes Interview, als er über den fehlenden Bildungshunger im Profifußball sprach, hat ja auch schon gezeigt, dass er anders als andere tickt.

Das ist so. Wobei vieles am Ende verkürzt wiedergegeben wurde. Aus einem „Klammer auf: lacht“ wurde ein „Klammer auf: Ausrufezeichen“, und ein Reporter verkürzt es dann noch mal, hält das Mikro nach dem Abpfiff jemandem unter die Nase und sagt: „Nils Petersen sagt, alle Fußballer sind blöd.“ Das ist ein Dreiklang, der ist spektakulär! Aber vom Grundsatz hat er überhaupt nichts Dramatisches gesagt.

-Und in der Sache hatte er ja auch Recht.

Eben. Das ist ein besonderer Lebensabschnitt für die Jungs. Im Quervergleich zu den – in Anführungszeichen – normal arbeitenden Bürgerinnen und Bürgern bringt das ein paar Privilegien mit sich. Aber ich finde, dass er total vernünftig argumentiert hat.

-Wenn wir schon bei besonderen Charakteren sind: Christian Streich ist erst der vierte SC-Trainer in den letzten 27 Jahren, in seinem ganzen Auftreten ein Unikat und ebenso geerdet wie sportlich erfolgreich. Haben Sie manchmal Angst, dass er das SC-Biotop irgendwann verlässt?

Angst wäre da der völlig falsche Begriff. Wir arbeiten jetzt seit 15 Jahren zusammen, zehn im Nachwuchsleistungszentrum, fünf im Profibereich. Christian Streich hat eine besondere Arbeitsweise, eine besondere Qualität. Das tut dem Standort natürlich total gut. Und der Standort tut auch ihm gut. Das ist schon eine Symbiose. Das war auch der Grund, warum wir nach dem Abstieg nie irgendwelche nachdenklichen Schleifen gedreht haben. Der Verein ist mehr als das kurzfristige wöchentliche Spielergebnis. Deutlich mehr. Und wenn die Arbeitsweise passt, dann kann man auch mal gemeinsam runtergehen. Weil wir total daran glauben, dass auch der Wiederaufstieg gelingen kann. So eine Kontinuität darf aber natürlich niemals Selbstzweck sein. Dann hätten wir hier ein echtes Problem. Qualität steht an erster Stelle, dann Fleiß, Identifikation und Empathie, und dann kann Kontinuität entstehen. In seinem Fall ist das genau die Kette gewesen.

Das Gespräch führte Marc Beyer

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