Nach den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro 2016 sprachen die Deutschen über einen, der keine Medaille gewonnen hatte. Dennoch war er die Öffentlichkeit zum „Hero de Janeiro“ geworden: Andreas Toba, der Turner, dem bei der Bodenübung das Kreuzband riss, der aber noch ans Pauschenpferd ging – um die Mannschaft in der Wertung zu halten. Toba bekam nach den Spielen den Publikumspreis bei der Bambi-Verleihung 2016.
Dem Hockeyspieler Moritz „Mo“ Fürste, ist bewusst, dass sich jede Form von Kritik an dieser Wahl nicht gut anhört, sie könnte als „Affront gegen die Person Andreas Toba“ verstanden werden, und selbstverständlich habe der Turner „eine Leistung abgeliefert, die höchsten Respekt verdient“. Aber, so sagt Fürste: „Ich kennen keinen einzigen Sportler, der an seiner Stelle aufgegeben hätte. Jeder, de ich kenne, hätte seine Mannschaft genauso wenig im Stich gelassen, wie Toba es tat.“ Darum findet Moritz Fürste: Den Bambi hätte Fabian Hambüchen bekommen müssen, für Gold am Reck. Doch es habe sich gezeigt, „dass sportliche Leistung in Deutschland nicht in dem Maß anerkannt wird, wie es verdient wäre“.
Moritz Fürste, 33, ist ein profilierter deutscher Sportler. Einer der besten Hockeyspieler aller Zeiten, 2012 wurde er Welthockeyspieler des Jahres. Er gehörte zu einer großen Generation, die 2008 und 2012 Olympia-Gold holte und 2016 Bronze. Dazu kommen WM- und EM-Siege sowie mit dem Verein in der Euro Hockey League. Fürste war auch eine der zentralen Figuren der Rettungskampagne für das Eishockey-Team der Hamburg Freezers (um seinen Freund, den Münchner Christoph Schubert), gegen dessen Abmeldung durch den amerikanischen Besitzer, die Anschutz-Gruppe, sich die Fans mit Spendensammlungen und Aktionen zur Wehr setzten.
Nun hat dieser Moritz Fürste ein Buch geschrieben, in dem es um sein Leben geht, das mit davon geprägt war, dass er seinen Vater früh, mit neun Jahren, verlor: Fürste senior war 1994 an Bord der Fähre Estonia, die in der Ostsee sank – den Leichnam fand man nie. Vor allem aber gewährt „Nebenbei Weltklasse“ (Untertitel „Aus Liebe zum Sport“/mit Björn Jensen, Verlag Edel, 17,95 e) Einblicke in diese Themen: Was treibt Athleten, vor allem die in Randsportarten (und Hockey gehört nun mal dazu), an? Wie behaupten sie sich in einer Sportkultur, die fast nur den Fußball kennt? Und wie würden sie die Zukunft des Spitzensports in Deutschland gestalten?
Lieber Verein oder Nationalmannschaft?
Ist die Berufung in die Nationalmannschaft ein Traum? Nein, sagt Fürste. „Ziele sind die besseren Träume.“ Obwohl er die großen Erfolge mit der Auswahlmannschaft erreichte, ist für ihn klar: Der Verein ist die Heimat, das Nationalteam eine Zweckgemeinschaft. Seine Unterscheidung: „Im Nationalteam ist man getrieben vom Erfolgsdenken, im Verein vom Vorhaben, gemeinsam Spaß zu haben und das Bestmögliche herauszuholen.“
Im Verein realisiert sich die Vorstellung von Hockey als familiärem Sport. Fürste ist sich sicher, dass er durch die Kontakte, die ihm sein Sport einbringt, „in 120 Ländern einen Schlafplatz finden würde“. Der Verein ist für ihn die Keimzelle des deutschen Sportsystems.
Machen Titel satt oder treiben sie an?
„Materielle Anreize bieten Titel im Hockey nicht“, schreibt Fürste, „der bloße Gewinn eines Titels ist kein Antrieb für mich. Ohne emotionale Bindung wären Titel gar nichts wert“. Es gehe um „Erfahrungen in der Gruppe und als Individuum“. Antriev: „Die bedingungslose Leidenschaft für den Sport. Warum sonst wollen viele Topsportler, die in ihren Bereichen schon alles gewonnen haben, immer wieder zu Olympia?“
Ein Turnier begreift Fürste als „geschlossenen Komplex“, im Hockey steht schnell die nächste Herausforderung an, da orientiert man sich an Oliver Kahns „Immer weiter“.
Was sind Erlebnisse, die am Ende zählen?
„Die spannendsten Momente erlebt man nicht zwingend auf dem Spielfeld“, erklärt Moritz Fürste mit Blick auf seine noch immer laufende Karriere. „Die Fluchten aus dem Alltag sind das Erfolgserlebnis.“ Aus seinem ersten großen Trainingslager mit der Nationalmannschaft 2006 (14 Tage, 40 Einheiten) sind die Spieler „komplett zweimal ausgebüchst“, nach dem WM-Gewinn blieben sie bis in den Morgen „ungeduscht, in den Trikots, rauchend“, es wurde immer wieder gefeiert.
Wichtig; „Nur ein glücklicher Athlet ist ein guter Athlet.“ Fürstes Beispiel: Usain Bolt, der sich 2012 im Olympischen Dorf im Fast-Food-Restaurant seine Chicken Nuggets holte. Nicht das, was Supersportler essen sollten – doch der Sprintkönig gönnte sich, wonach ihm war. Mit eine Grundlage für den Erfolg.
Und ja: Man darf die Kontrahenten auch mal verarschen. Wie 2008 in Peking. Nach dem Olympiasieg blieb noch ein freier Tag im Athletendorf, die Deutschen waren am Pool, die Holländer, nur Vierter geworden, auch. Das Spielchen der deutschen Hockeyhelden: „Wir machten uns einen Spaß daraus, unsere Medaillen vor den Holländern in den Pool zu werfen und danach zu tauchen. Wenn wir sie hatten, reckten wir sie laut grölend wie eine Trophäe in die Höhe.“ Fürste schämt sich dafür zwar heute noch ein wenig, jedoch: „Sticheleien gehören zur Rivalität.“
Wie lebt es sich neben dem Fußball?
Moritz Fürste ist kein Fußballgegner, das gewiss nicht. Im Hockey wählte er seine Rückennummer 21 aus einem Faible für den HSV-Spieler Harald Spörl, und ihm ist bewusst, dass das Fußball-Sommermärchen 2006 die Hockey-WM kurz danach in Mönchengladbach entscheidend begünstigte.
Dennoch findet er, dass die Mittel ungleich verteilt sind. Er rechnet vor: In den guten Jahren komme ein Spitzensportler auf monatlich 3000 bis 6000 Euro brutto – aber das Durchschnittseinkommen der von der Deutschen Sporthilfe geförderten besten 3800 Sportler im Lande betrage 626 Euro. Bekämen sie dazu monatlich 1500 Euro, „müssten sich 95 Prozent keine Sorgen machen“.
Moritz Fürste will nicht akzeptieren, dass Firmen lieber in die zweite, dritte Reihe im Fußball gehen. Mit dem Geld könnten sie eine Sportart komplett übernehmen – und wenn drei Trikotsponsoren aus dem Fußball (mit 18 Millionen Euro) sich im „Buntsport“ engagieren würden, könnten sie „für eine Revolution im deutschen Leistungssportsystem sorgen“.