Menschen unseres Alters kommt schon mal dieser dumme Satz über die Lippen, früher sei alles besser gewesen. Dann möchte man sich am liebsten die Zunge abbeißen, so etwas sagen doch nur Ewiggestrige, solche, die verpasst haben, mit der Zeit zu gehen. Aber manches war früher halt zumindest nicht schlechter, zum Beispiel der Fußball. Das Spiel selbst ist natürlich schneller geworden, technisch und taktisch versierter, athletischer. Was aber um dieses Spiel herum entstanden ist, ist eine eigene Welt, eine Parallel-, eine Scheinwelt, die immer sonderbarer wird.
Wie abgehoben diese Branche mittlerweile ist, zeigt ein Interview, das vor ein paar Monaten geführt, aber nie veröffentlicht worden ist. Es soll ein nettes Gespräch gewesen sein, offen, freundlich und, wie von der Agentur des Befragten ausdrücklich gewünscht, nicht nur an der Oberfläche kratzend. Ein gutes Interview ist daraus entstanden, das dem Leser den Tüftler, aber auch den Menschen Ralf Rangnick nähergebracht hätte, versichert der Autor. Wenn es nur erschienen wäre.
In der schönen neuen Fußballwelt aber ist es halt längst Usus, dass so ein Interview autorisiert werden muss. Die Brache ist hypernervös, hochbezahlte Agenten kümmern sich um das möglichst perfekte Image ihrer Klienten, die Angst ist groß, ein falsches Wort, ein ungeschliffener Satz könnte an die Öffentlichkeit gelangen und via soziale Medien bis in die hinterste Ecke der Welt verbreitet werden. Jeder Profi-, oft auch schon jeder bessere Amateurverein, hat deshalb eine üppig besetzte Pressestelle. Anfangs, um die Medien mit Informationen zu versorgen. Heute ist es eher so, dass Veröffentlichungen tunlichst verhindert werden, die nicht direkt aus dem eigenen Haus stammen oder zumindest dort abgesegnet wurden.
Ganz klar ist nicht, wer nun das Interview mit Ralf Rangnick so zerstört hat, die Presseabteilung von RB Leipzig oder, wie die behauptet, Rangnicks „private Agentur“. Jedenfalls ist von dem Text so viel nicht übriggeblieben, von ursprünglich 15 500 wurden nur 12 500 Zeichen freigegeben, vieles umformuliert, eine Antwort wurde völlig gestrichen, manche lockere, humorvolle, „menschelnde“ Passage gelöscht. Und der Autor beschloss in Absprache mit seinem Auftraggeber, unter diesen Umständen auf eine Veröffentlichung zu verzichten.
Das ist konsequent, wohl aber genau das, was der Profifußball will, nichts mehr soll ungefiltert nach draußen. In unserer digitalisierten Welt ist es leicht geworden, sich von unabhängigen Medien unabhängig zu machen. Der FC Bayern hat seinen eigenen Fernsehsender, der selbstverständlich in erster Linie Imagepflege betreibt. Über Homepage und soziale Kanäle kann man den Wissensdurst der Fans auch stillen, ohne gemeine Zwischentöne kritischer Reporter. Schöne neue Fußballwelt.
Wie dankbar sind wir da über Typen wie Christian Streich, der sich auch mal ungeschminkt zu fachfremden Themen äußerst, sagt, was er denkt und für relevant hält, offensichtlich ohne sich vorher von der Medienabteilung briefen zu lassen. Wenn Streich spricht, fühlt sich ein erfahrener Reporter an Zeiten erinnert, als man Fußballprofis noch direkt ansprechen durfte, einfach nach dem Training, ohne Wochen vorher einen Termin bei der PR-Abteilung beantragt zu haben. Den Text hat dann vor Abdruck höchstens noch der Sportchef gelesen oder der Chefredakteur (Pressesprecher gab es noch gar nicht). Man blieb trotzdem wohl gelitten (solange man das Vertrauen nicht sträflich missbraucht hat). Und der Sportler authentisch.
Ach ja, so schlecht war sie nicht, die gute, alte Zeit, als auch Superstars in erster Linie Menschen waren. Und nicht von PR-Experten aalglatt geschliffene Marionetten.
Zwischentöne