München – Ein Status wie „kurz vor der Verlängerung“ ist zeitlich nicht definiert und beliebig ausdehnbar. Ihn aber so lange innezuhaben wie Joshua Kimmich, ist selbst in dieser von Gerüchten und Spekulationen beherrschten Branche selten. Schon die Reise ins Trainingslager nach Katar hatte der Nationalspieler Anfang Januar als Fast-Langzeit-Gebundener angetreten, genau wie den Rückrundenstart und den Frühlingsanfang. Gespräche über eine Verlängerung des bis 2020 geltenden Arbeitspapiers beim FC Bayern gab es zu genüge, es hakte aber. Bis es in dieser Woche zum Termin kam, bei dem ein Bogen Papier und ein Füllfederhalter die größte Rolle spielten. Neben Kimmich und Sportdirektor Hasan Salihamidzic freilich, die artig in die Kamera grinsten.
Bis 2023 also, so gaben es die Bayern am Tag vor dem Heimspiel an diesem Samstag (15.30 Uhr) gegen den Hamburger SV bekannt, ist Joshua Kimmich nun an den Verein gebunden. Zur Unterschrift gab es die üblichen Statements, geprägt von Lob und Wertschätzung. Kimmich ist „stolz, dass der Verein und die Verantwortlichen mir viel Vertrauen entgegenbringen und mich zukünftig als wichtiges Element für den langfristigen sportlichen Erfolg sehen“. Brazzo freut sich auf eine Zukunft mit Kimmich, „in der wir hoffentlich in den nächsten Jahren viele Erfolge feiern werden“. Und Karl-Heinz Rummenigge sieht den 25-maligen Nationalspieler als „tragende Säule“. Aussagen, die von 109 Pflichtspielen und 13 Toren seit dem Wechsel 2015 aus Leipzig nach München gestützt werden. Und noch ein paar anderen Dingen, die vor allem hinter den Kulissen an der Säbener Straße stattfinden.
Als Kimmich im Sommer – zunächst widerwillig, dann aber motiviert – das Erbe von Philipp Lahm auf der rechten Verteidiger-Position antrat., sprach man gerne vom „neuen Lahm“. Rein positionstechnisch korrekt, darüber hinaus aber ein Vergleich, der durchaus als Last auf den Schultern eines 23-Jährigen liegen kann. Kimmich versteckte sich nicht, nahm die Herausforderung an und ist inzwischen einer der Unverzichtbaren im Kader von Jupp Heynckes. Der Trainer sieht die Verlängerung als „Zeichen an die internationale Konkurrenz“. Angebote gab es im Sommer zuhauf, unter anderem Manchester City und der FC Barcelona waren interessiert. Kimmich sagte allen ab, weil er eine Leitfigur des FC Bayern werden will. Dass der Rekordmeister für die Einigung auch deutlich tiefer in die Tasche greifen musste als bisher, ist logisch.
Kimmich steigt in der Geld-Rangliste von relativ weit unten (drei Mio. Euro/Jahr) nach relativ weit oben. Das allerdings passt auch zu der Rolle, die er sich intern rasch erarbeitet hat. Kaum noch etwas erinnert an den schüchternen Burschen, der nach seinem Debüt im roten Trikot vor rund zweieinhalb Jahren in Darmstadt einen ganz trockenen Mund hatte, als er vor die Journalisten trat. Heynckes sieht Tag für Tag „einen selbstbewussten jungen Mann“, der sich von der Hektik der Branche nicht anstecken lässt. Normale Frisur, keine Tattoos, dazu „eine klare Meinung“ und den „Blick für das große Ganze“. Die logische Frage, die der Coach am Tag der Verlängerung stellte: „Kapitän? Warum nicht?“
Im Moment sind solche Überlegungen verfrüht. Wenn die Generation um Arjen Robben, und Franck Ribery sowie später Manuel Neuer, Jerome Boateng und Mats Hummels aber ins fortgeschrittene Fußballeralter kommt, ist Kimmich derjenige, der vorangehen soll. „Er wird mit einigen anderen für den Umbruch stehen“, prognostizierte Heynckes und erwähnte den ebenso bis 2023 gebundenen Kingsley Coman und Corentin Tolisso. Beides Hoffnungsträger – aber anders als Kimmich.
Der gebürtige Baden-Württemberger taugt zur Identifikationsfigur in diesem Kader. Es kam sicher nicht von ungefähr, dass Heynckes den Namen Lahm am Freitag von sich aus in den Mund nahm. „Joshua hat alle Fähigkeiten, in dessen Fußstapfen zu treten“, sagte er. Beste Aussichten also, so „kurz nach der Verlängerung“.