München – Vanessa Hinz hat schon allerhand erreicht in ihrer Biathlon-Karriere. Als Staffelläuferin errang die 25-Jährige vom SC Schliersee drei WM-Goldmedaillen, im deutschen Weltcup-Team gilt die Zollbeamtin als zuverlässige Stammkraft, bei den Winterspielen in Pyeongchang lieferte sie mit Rang 5 im Sprint ein erstklassiges Ergebnis. Ihren ersten Sieg in einem Weltcup-Einzelrennen feierte die frühere Langläuferin aber erst am vergangenen Sonntag beim Massenstart in Kontiolahti.
-Vanessa Hinz, wie fühlt sich am Tag danach Ihr erster Weltcupsieg an?
Ich freue mich immer noch total. Es ist immer noch ein total schönes Gefühl. Es war mein erstes Podium, ich habe zum ersten Mal viermal null geschossen, es sind so viele Dinge zusammengekommen. Ich habe gewusst, dass ich es drauf habe, aber ich habe lange auf den Tag gewartet, an dem das Schießen und das Laufen zusammenpassen. Bisher hat es nie Klick gemacht, am Sonntag hat es endlich Klick gemacht.
-Wie ist das an so einem Tag, an dem alles zusammenpasst? Merkt man das schon in der Früh?
Ich hatte ein gutes Gefühl. Die Beine haben sich gut angefühlt. Und auch beim Anschießen hat es echt gut funktioniert. Ich konnte den Wind gut einschätzen, und ich hatte auch das nötige Selbstbewusstsein.
„Ich habe einfach versucht, mein Ding zu machen“
-Wurden Sie nicht nervös, als Sie nach dem dritten Schießen vorne lagen und es sich abzeichnete, dass Sie gewinnen könnten?
Mir war klar: Biathlon wird erst beim letzten Schießen entschieden. Ganz besonders beim Massenstart. Ich habe einfach versucht, ruhig zu bleiben, einfach mein Ding zu machen. Ich habe auch nicht geschaut, wann die anderen ihren ersten Schuss setzen. Erst in der letzten Runde habe ich gemerkt: Oh cool, dass könnte sich ausgehen!
-Wie ging Ihnen der letzte Schuss von der Hand?
Ich habe schon versucht, länger nachzuhalten. Aber das geht alles so schnell. Das sind so Automatismen, die man sich antrainiert. Ich bin froh, dass die Scheibe gefallen ist. Der Schuss hat sich nicht so schlecht angefühlt. Auch wenn ich danach gesehen habe, dass ich Glück gehabt habe. Aber das gehört dazu.
-Bei den Winterspielen hatte Sie ja etwas Pech im Sprint. Hätte der letzte Schuss gesessen, hätten Sie eine Medaille gewonnen. Auch in der Mixed-Staffel, wo Sie ein perfektes Rennen lieferten, reichte es nicht ganz zu Edelmetall. Noch traurig?
Nein, da ist überhaupt keine Wehmut da. Ich habe versucht, bei Olympia meine besten Rennen zu zeigen. Das ist mir im Sprint mit dem fünften Platz gelungen. Und in der Mixed-Staffel konnte ich nicht mehr machen. Das lag dann nicht mehr in meiner Hand. Das nötige Quäntchen Glück hat mir vielleicht gefehlt. Aber so ist es nun mal im Sport.
-Haben Sie sich nicht darüber geärgert, dass Sie nach der so starken Mixed-Vorstellung nicht für die Frauen-Staffel nominiert wurden?
Natürlich ärgert das einen immer. Man will bei Olympia natürlich alle Wettkämpfe laufen. Aber es war schon vor der Mixed-Staffel klar, wie die Frauen-Staffel aufgestellt ist. Ich habe das auch so akzeptiert und bin dahinter gestanden. Während des Rennens habe ich die Mädels an der Strecke angefeuert.
-Es ist nun bekannt geworden, dass sich mit dem Ruhpoldinger Tobias Reiter nun einer der beiden Weltcup-Coaches zurückzieht. Wussten Sie das?
Ja, schon länger.
„Schade, dass Reiter aufhört. Aber das heißt nicht, dass er nicht zurückkommt“
-Wie bewerten Sie den unerwarteten Abschied?
Es ist natürlich schade, dass Tobi aufhört. Es war ja nicht so, dass wir gesagt hätten: Wir wollen ihn nicht mehr. Er hat das für sich entschieden. Das heißt ja nicht, dass er nicht mehr zurückkommt. Tobi macht jetzt einfach mal was Neues. Das akzeptieren wir, und das unterstützen wir auch.
-Angeblich wird erwogen, auch Cheftrainer Gerald Hönig zu ersetzen …
Da wissen die Journalisten mehr als wir. Ich habe davon noch nichts gehört.
-Nach einer sehr harten Saison stehen Ihnen noch zwei Stationen in Oslo und Tjumen bevor. Mit welcher Motivation gehen Sie in diesen letzten Abschnitt?
Ich freue mich auf die zwei Wochen. Aber ich freue mich auch auf die Zeit danach, wenn man Ruhe hat und runterkommt.
-Wohin geht’s denn im Urlaub?
Nach Vietnam. Durch einen Weltcupsieg wird man nicht reich, aber es reicht für einen schönen Urlaub.
Das Interview führte Armin Gibis