München – Gemessen wurde an diesem Tag im September des vergangenen Jahres nicht. Wenn man aber über die Anhänger eines Vereins weiß, dass sie die lautesten der Welt sein können, kann man sich ungefähr ausmalen, dass der Hexenkessel „Vodafone Park“ seinem Beinamen auch an diesem Abend alle Ehre machte. „Man kann es kaum beschreiben“, sagte Diego Demme gegenüber unserer Zeitung, als er auf die denkwürdige Partie von RB Leipzig in Istanbul angesprochen wird. Der Nationalspieler schluckt kurz, überlegt, bevor er hinzufügt: „Und man kann es auch kaum glauben.“
Demme stand damals, beim 0:2 der Sachsen bei Besiktas, auf dem Feld und erinnert sich bestens daran, dass die Kommunikation mit seinen Mitspielern von der ersten Sekunde an nicht möglich war. Absprachen, taktische Anweisungen, all das ging unter vor den schreienden türkischen Fans. „In Deutschland“, sagt der 26-Jährige, „hat man so etwas noch nie erlebt“. Das Wort „megalaut“ fällt mehrfach in seinen Ausführungen. Auch er hatte viel über dieses Stadion gehört. Als er aber das Feld betrat, war die Atmosphäre „noch mal deutlich außergewöhnlicher, als es in Worten vorab und hinterher beschrieben werden kann“. Diese Erfahrung wird der FC Bayern heute Abend (18 Uhr) machen.
Man muss wohl dabei sein, um den Mythos der 2016 eröffneten Arena greifen zu können. Der ehemalige Nationalspieler Andreas Beck war selbst zwei Jahre bei Besiktas aktiv, er erlebte die Anfangszeit des Hexenkessels, der für knapp 125 Millionen erbaut wurde und Nachfolger des Inönü-Stadions ist. Er sagt: „Ganz egal, was man davon gehört hat – es ist alles wahr.“ Er kenne kein Stadion, das lauter sei, seine Freunde haben große Besiktas-Spiele selten ohne Oropax besucht. Beschallt wird man aus allen Richtungen, weil nicht nur zwei Kurven, sondern das gesamte Stadion den Lärmpegel stetig hält.
„Für die Heim-Mannschaft ist das ein unheimlicher Motivationsschub“, sagt Demme. Er und seine Leipziger Kollegen aber seien „die ersten zehn bis 15 Minuten doch sehr beeindruckt gewesen“. Man erinnert sich noch gut an den teilweise orientierungslosen Timo Werner, der sich in diesem Champions League-Gruppenspiel ständig an seine Ohren fasste wie ein Tinnitus-Patient. Dabei ist der Nationalspieler seit seiner umstrittenen Schwalbe einer, der Pfiffe gewohnt ist. Nur eben nicht derart laute.
32 Minuten kämpfte Werner sich durch, dann ging es nicht mehr. Schwindel, Atemnot – womöglich nicht unmittelbar bedingt durch die äußeren Umstände, aber sicher begünstigt. „Auch die Bayern werden merken, dass es etwas anderes ist, dass man sich darauf einstellen muss“, sagt Demme. Werner etwa versuchte mehrfach, mit Händen und Füßen darauf aufmerksam zu machen, dass es für ihn nicht weitergehen würde. Ralph Hasenhüttl konnte diese Zeichen nur deuten – er verstand aber kein erklärendes Wort.
Nun hat der FC Bayern die Reise ja mit einem 5:0-Vorsprung angetreten, Demme geht daher davon aus, dass es „vielleicht nicht ganz so laut werden wird“. Auch Insider Beck prognostiziert, dass die Stimmung zwar gut, aber nicht überwältigend sein dürfe. Heißt: So rund um die 100 Dezibel, was immer noch dem Lärm einer Motorsäge entsprechen würde und bei Dauer-Beschallung Hörschäden hervorrufen kann.
Theoretisch drauf haben die Besiktas-Fans aber deutlich mehr. 2013 wurde mit 141 Dezibel im alten Stadion ein Weltrekord aufgestellt. Ein Düsenflugzeug ist ähnlich laut. Inmitten der Düse – so in etwa fühlte sich Demme in diesen 90 Minuten im September. hanna raif