München – Sein Spitzname klang etwas furchterregend: Der Bär vom Bellenberg. Aufgrund seiner mächtigen Statur bot sich dieser Vergleich an. Der Gewichtheber Rudolf Mang wog 130 Kilo und verfügte über kolossale Kräfte. Doch man kannte auch andere Bilder von dem Muskelpaket aus dem schwäbischen Bellenberg. Die TV-Kameras folgten ihm Anfang der 70er bis in seine Garage, wo er Hanteln stemmte – und Hamster züchtete. Anfang 20 war er damals, klagte bereits über Rückenschmerzen, in seinem von gekräuselten Haaren und langen Koteletten eingegrenzten Gesicht tauchte immer wieder ein freundliches, leises Lächeln auf. Rudolf Mang war einer der eindruckvollsten Athleten seiner Zeit, und dabei wirkte er wie ein sanfter, zerbrechlicher Gigant.
Erstmals in den elitären Kreis der starken Männer mischte sich der gelernte Fernmeldemechaniker bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko. Gerade 18 Jahre war er da. Viel zu jung eigentlich, um sich mit den weltbesten (und viel schwereren) Kraftprotzen zu messen. Doch Mang, der 19 Junioren-Weltrekorde aufgestellt hatte, demonstrierte mit Rang fünf sein Ausnahmetalent.
Gewichtheben war damals noch eine Sportart, in der man auch in Deutschland zum Star werden konnte. Es gab noch keine Dopingskandale, der Ruf der Sparte war intakt. Und wenn sich gar einer anschickte, der stärkste Mann der Welt zu werden, dann stand er unter starker medialer Beobachtung. Besonders, wenn die Olympischen Spiele im eigenen Lande nahten, München 1972 also. Mang war zum heißen Medaillenkandidaten herangereift, Gold schien sogar möglich. Der inzwischen um ihn entstandene Rummel wurde Mang jedoch zu groß. Vor den Sommerspielen kapselte er sich wochenlang ab. „Das ganze Theater, das Drumherum mochte ich nicht“, sagte er einmal.
Sein großer Widersacher war der Russe Wassili Alexejew, über 150 Kilo schwerer Träger des Lenin-Ordens, Sportidol der UdSSR. 1970 hatte der Superschwergewichtler sieben Weltrekorde an einem Abend aufgestellt. Er galt eigentlich als unschlagbar. Allein Mang hatte ihn bei der EM 1972 im rumänischen Constanta etwas ins Wanken gebracht. Nach Drücken (230 Kilo) und Reißen (177,5 Kilo) lag der Deutsche gar mit 7,5 Kilo in Führung. Doch Alexejew konterte mit 232,5 Kilo, Mang (222,5) musste sich im Dreikampf mit 230:232,5 Kilo knapp geschlagen geben.
Vor den Münchner Spielen war das Duell zur Kraftprobe schlechthin hochgeschaukelt worden. Mang war dem nervlichen Druck nicht gewachsen, Alexejew siegte klar mit 640:610 Kilo. Sein deutscher Kontrahent konnte sich über Silber nicht freuen: „In München bin ich sicher etwas unter meinen Möglichkeiten geblieben.“ Alexejew gewann in München noch einen zweiten Kampf: Der damals 30-Jährige hatte sich auf der Toilette eingeklemmt; seine Befreiung gelang nur unter massivem Einsatz persönlicher Muskelkraft, die Kabine ging dabei komplett zu Bruch.
1973 wurde Mang auch WM-Zweiter (wieder hinter Alexejew), gewann dabei Gold im Reißen. Doch nun machten sich die frühen Verschleißerscheinungen immer schmerzhafter bemerkbar. Bei einem Generalcheck wurden starke Schädigungen in der Wirbelsäule, den Ellbogen und im Knie festgestellt. „Ich dachte immer, ich bin ein Mensch wie ein Fels“, sagte Mang. Mit 24 Jahren beendete er bereits seine Karriere.
Doping ist übrigens zu dieser Zeit auch für die Gewichtheber kein Fremdwort mehr gewesen. Zum damals schon gängigen Anabolikakonsum sagte Mang Jahre später: „Was ich in einem Monat eingenommen habe, war bei anderen eine Tagesration.“
Vom Privatier Mang hörte man nicht mehr allzu viel. Er reiste mit seiner Frau Heidmarie durch die Rocky Mountains, hieß es, fischte am Yukon, baute Fitnessgeräte für Sportstudios. Beim Gewichtheben in der Sporthalle hat man den „Bär vom Bellenberg“ nicht mehr gesehen. Am Dienstag verstarb Rudolf Mang in seinem Bellenberger Fitnessstudio im Alter von 67 Jahren an einem Herzinfarkt.