Istanbul – Der Ball kam von rechts, Absender war Thomas Müller, und wenngleich sein Zuspiel butterweich war, erforderte die Verwertung doch eine Menge Geschick. Aber das ist ja noch nie ein Problem gewesen für Thiago, den kleinen Mittelfeldmann mit den feinen Füßen. Mit links beförderte er den Ball in die Maschen, per Dropkick und gegen die Laufrichtung des Torhüters (18.). Selbst im Kader des FC Bayern hätten nicht viele einen solch formidablen Abschluss hinbekommen.
Es ist nicht so, dass Thiagos Fehlen den Münchnern ständig anzusehen gewesen wäre, seit ihm Mitte November im Champions League-Spiel beim RSC Anderlecht ein Muskel im Oberschenkel teilweise riss. Sie kamen auch ohne ihn zurecht, das schon. Aber in den wenigen Partien, die er nach dreimonatiger Pause bestritten hat, wurden doch gleich wieder seine Qualitäten sichtbar. Thiago ist die personifizierte Hoffnung für das Frühjahr. Wenn er erst mal wieder vollends bei Kräften ist und seinen Rhythmus hat, soll er eine beeindruckend starke Mannschaft noch besser machen.
Vorausgesetzt natürlich, er bleibt nun gesund. Das ist die zweite Konstante in seiner Karriere neben der spielerischen Sonderklasse. Er ist ein arg fragiler Künstler, und auch diesem Ruf wurde er gestern Abend in Istanbul leider gerecht. Eine Viertelstunde nach seinem Führungstor saß Thiago plötzlich auf dem Rasen, zog seinen linken Schuh aus, rollte den Stutzen herunter und warf einen besorgten Blick auf seinen Knöchel. Dann wurde er durch James ersetzt.
Wie er sich die Verletzung zugezogen hatte, war nicht wirklich ersichtlich. „Er hat unter der Fußsohle einen Schmerz verspürt“, berichtete Jupp Heynckes später, ging allerdings davon aus, „dass es nicht so schwerwiegend ist“. Heute soll eine Kernspin-Tomographie weiteren Aufschluss geben. Thiagos erstarrte Miene, als er am Spielfeldrand lag, wirkte nicht gerade beruhigend, aber das muss in solchen Momenten ja nichts heißen. Als er in die Katakomben verschwand, war sein Gang jedenfalls vollkommen rund. ams