Kühler Kopf in der Hölle

von Redaktion

Die Bayern erkämpfen sich den Sieg in Istanbul – und stehen nach 3:1 zum 17. Mal im Viertelfinale

von amelie schneemeier

Istanbul – Die Pfiffe, sie waren ohrenbetäubend. Aber einen Mann wie Jupp Heynckes kann ja selbst so etwas nicht aus der Ruhe bringen. Der 72-Jährige saß gestern Abend gelassen auf der Bank im „Vodafone Park“ von Istanbul und blickte auf das teilweise hitzige Duell seiner Bayern mit Besiktas. Das Wort seiner Nebenmänner konnte er verstehen, das seiner Spieler kaum. Am Ende aber war das egal – denn wenn man nach einem 5:0 im Hinspiel auch das Rückspiel mit 3:1 (1:0) gewinnt, steht man ja in Summe locker-leicht im Viertelfinale der Champions League.

Locker und leicht, das sind zwei Worte, die auf die derzeitige Situation beim FC Bayern passen – auf die Partie gestern Abend aber nicht. „Souverän war es, wenn man beide Ergebnisse sieht“, sagte Heynckes, Thomas Müller sprach von einem „wilden Spiel“. In der Tat war es nicht unbedingt ein Spaziergang in die Runde des besten Acht, die morgen ausgelost wird. Zwar machte der später ausgewechselte Thiago mit seinem schnellen 1:0 (18.) früh alles klar, trotzdem prägten Nickeligkeiten und Aggressivität diese Partie. Dass Mats Hummels und Jerome Boateng schon vor der Halbzeit Gelb sahen, passte ins Bild. Dem 2:0 durch ein Eigentor von Gökhan Gönül (46.) folgte der Anschlusstreffer durch Vagner Love (59.) – trotzdem war der 17. Viertelfinal-Einzug nie gefährdet. Ersatz-Stürmer Sandro Wagner (84.) setzte den Schlusspunkt.

Die Abschiedstour von Heynckes wird nach der Länderspielpause Fahrt aufnehmen, wenn am 3./4. sowie 10./11. April das Duell mit einem wohl größeren Gegner ansteht. „Wir müssen uns steigern da kommen noch ganz andere“, warnte Boateng, der vor allem „dumme Fehler in der zweiten Halbzeit“ monierte. Das Ziel bleibt das Finale am 26. Mai in Kiew, es wäre ein gelungener Schlusspunkt der vierten Amtszeit von Heynckes. Wobei Karl-Heinz Rummenigge ja die Hoffnung auf eine Weiterbeschäftigung nach wie vor nicht aufgegeben hat. Von einer „Rolle rückwärts“ sprach der Klubboss auf der Reise nach Istanbul, nun müsse man „abwarten“. Die Chancen stehen schlecht – aber noch darf man genießen, dass dieser Mann diesem Team guttut. Der Erfolg war für ihn der elfte in der Königsklasse in Folge – Rekord.

Auch gestern wollte der Coach nichts riskieren und stellte nur auf zwei Positionen um. Arjen Robben war daheim geblieben, zudem bekam Joshua Kimmich eine Pause. Stattdessen liefen Rafinha und Thiago auf. Die Hoffnung auf ein Wunder gar nicht erst aufkommen lassen, das war der Plan, der aufging.

Die rund 41 000 Zuschauer immerhin glaubten an ihr Team und ließen die Bayern ihre Abneigung spüren. „Da war schon ein bisschen Druck auf dem Trommelfell“, sagte Müller. Dauer-Pfiffe gegen den Gast gehören dazu in diesem Stadion, die Bayern waren beeindruckt, nahmen die Geräuschkulisse aber an. Einen ersten Kopfball setzte Arturo Vidal neben das Tor, auch Thomas Müller war in zwei Mal in Strafraumnähe am Ball. Das änderte aber nichts daran, dass auch die Hintermänner der Bayern zu tun hatten und es schmerzhaft wurde. Vor allem Franck Ribery wurde oft auf die Füße getreten, kurz vor der Halbzeit schubste er mal zurück.

Dass die Angriffe der von Ricardo Quaresma und Vagner Love angetriebenen Gastgeber geklärt werden konnten, war für den Verlauf der Partie essenziell. So nämlich war das 1:0, das Thiago nach einer Hereingabe des starken Müllers aus dem Lauf heraus erzielte, die Entscheidung. Letztlich glücklich war das 2:0, bei dem Gönül eine Flanke von Rafinha ins eigene Tor lenkte.

Besiktas aber gab sich nicht auf, im Gegenteil. Es wurde noch lauter, als Vagner Love nach einem Ballverlust von Alaba traf und Quaresma beinahe das 2:2 gelang. In dieser Phase hätte sich auch Rafinha nach einem Foul nicht über Rot beschweren dürfen, es blieb bei Gelb. „Bei einem 3:1-Auswärtssieg denkt man eigentlich: Vieles richtig gemacht. Aber in der zweiten Halbzeit hat sich das nicht ganz so angefühlt“, gab Müller zu. Die Lage beruhigte sich erst in der Schlussphase, als Wagner sein erstes Champions League-Tor erzielte. Ab der 80. Minute sangen die Fans – drauf gepfiffen, dass für Besiktas Endstation war.

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