München – Fußballer sind selten nachtragend. Egal was in den 90 Minuten eines Spiels auch passiert sein mag, kaum ist der Abpfiff erklungen, klatschen sie sich mit ihren Gegnern ab, nehmen einander in den Arm, tauschen ihre Trikots. Alle Härten des Wettbewerbs sind passé. Selbst Rafinha, der resolute Rechtsverteidiger des FC Bayern, kam deshalb am Mittwochabend in den Genuss einer Umarmung mit Gary Medel.
Der Chilene, im defensiven Mittelfeld von Besiktas Istanbul beheimatet, sieht aus wie ein Mann, mit dem man sich lieber nicht anlegen möchte. Aber das könnte man auch über Rafinha sagen. Nach dem 3:1-Sieg der Bayern in der Champions League lagen sich die beiden jedenfalls in den Armen, und die unschöne Szene aus der 63. Minute spielte in diesem Moment keine Rolle mehr. Rafinha war in der Nähe der Seitenlinie dem kanadischen Gegenspieler Atiba Hutchison mit beiden Beinen entgegengeflogen und hatte ihn frontal erwischt. Dass er für seine Attacke nur Gelb sah, war so überraschend wie am Ende die herzliche Verabschiedung durch Gary Medel.
Müller sieht schon Parallelen zu 2013
Ein 3:1-Sieg im Rückspiel wirft selten noch Fragen auf, wenn man die erste Partie schon mit 5:0 gewonnen hat. Aber diese eine Frage beschäftigte die Bayern am Bosporus schon: Hätten sie sich nicht ein paar dieser gelben Karten sparen können, die ihrem Trainer ernsthaft die Laune trübten? „Das ist der einzige Wermutstropfen“, klagte Jupp Heynckes hinterher. Mit Nachdruck habe er vor der Partie darauf hingewiesen, „dass wir diszipliniert spielen müssen“. Doch am Ende hatten die klar überlegenen Gäste drei Verwarnungen eingesammelt, während die kampfstarken Türken, für die es immerhin noch um einen ehrenhaften Abgang ging und die von einer sehr lauten Zuschauermenge angetrieben wurden, bloß eine sahen.
Am Weiterkommen der Münchner hatte kein ernsthafter Zweifel mehr bestanden. Heynckes’ Anweisung galt deshalb bereits der Perspektive fürs Viertelfinale. In Robert Lewandowski, Joshua Kimmich, Sebastian Rudy und dem derzeit verletzten Corentin Tolisso waren bis Mittwoch bereits vier Bayern-Profis mit zwei Gelben Karten vorbelastet, in Istanbul kam nun auch noch Jerome Boateng hinzu. Eine dritte bedeutet ein Spiel Sperre, sofern sie im Viertelfinale verhängt wird. Erst vor der Runde der besten Vier löscht die UEFA das Strafregister – es sei denn, ein Spieler sieht im Rückspiel seine dritte Gelbe. Dann würde er in einem ersten Halbfinale fehlen.
Solche Überlegungen sind einerseits spekulativ und voller Unwägbarkeiten. Andererseits gehört es zum Job eines Trainers, schon jetzt an den Fall der Fälle zu denken. Dass Boateng in einem der beiden kommenden Viertelfinals Gelb sieht, ist zumindest nicht auszuschließen. Auch Mats Hummels, der wie sein Weltmeister-Kollege und Rafinha verwarnt wurde, ist nun ein bisschen gefährdet. Im Viertelfinale, wenn die Gegner ein anderes Kaliber haben werden als die bemühten, aber limitierten Türken, wird die Innenverteidigung jedenfalls häufiger brenzlige Situationen zu überstehen haben.
Diese Begleitumstände trübten die Freude über den Sieg doch empfindlich. „Wir haben dumme Fehler und dumme Fouls gemacht. Dazu hatten wir zu viele unnötige Ballverluste“, räumte Boateng ein. Aus solchen Aktionen, in denen ihnen im Aufbau die Kugel abhanden kam, resultierten mehrfach Konter, die sie dann nur mit unerlaubten Mitteln stoppen konnten. „Da müssen wir kritisch mit umgehen“, ahnte Boateng. „Da kommen noch andere Gegner.“
Letztlich ist der „Vodafone Park“ nur eine Durchgangsstation gewesen auf dem Weg zu ungleich höheren Zielen. Thomas Müller räumte in Istanbul erstmals „Parallelen zu 2013“ ein, als die Mannschaft unter Jupp Heynckes’ Anleitung zum bisher einzigen Mal alle drei großen Titel gewann. Die selbstkritische Art, wie sie dieses zweite Achtelfinale direkt nach dem Spiel aufarbeiteten, passte ins Bild der vergangenen Monate, zum Anspruch und dem enormen Siegeshunger.
Kein anderes Team in Europa ist so souverän durch das Achtelfinale marschiert wie die Bayern (Gesamtergebnis: 8:1). Bei aller Dominanz bekamen sie aber auch demonstriert, wie schnell selbst die stärkste Mannschaft aus der Balance geraten kann. Nicht nur die gelben Karten waren so ein Signal. Der neuerliche Ausfall Thiagos nach einer guten halben Stunde erinnerte den deutschen Rekordmeister ebenfalls daran, dass die Stabilität der vergangenen Monate, als zuletzt fast alle Profis zur Verfügung standen, kein Dauerzustand sein muss. Gestern gab der Klub Entwarnung. Thiago habe sich lediglich eine Zerrung der Sehnenplatte im Bereich der linken Fußsohle zugezogen. Nach einer kurzen Pause wird er wieder ins Training einsteigen.
Ein paar Tage können die Bayern den Ausfall verschmerzen. Erst „im April geht’s rund“, erinnerte Müller vor der Abreise aus Istanbul. Sandro Wagner, der am Bosporus sein erstes Champions League-Tor erzielte, ist zwar noch nicht lange zurück beim FC Bayern, traut sich aber schon ein umfassendes Urteil über seinen alten, neuen Klub zu: „Wir haben einen Spirit, das habe ich selten so erlebt.“ Sein Fazit: „Wir können dieses Jahr Großes schaffen.“