Mailand – Die unfreiwillige Zuschauerrolle schmerzt, John Degenkolb macht daraus keinen Hehl. Nur wenige Rennen üben auf den deutschen Radprofi eine vergleichbar große Anziehungskraft aus wie das magische Mailand – Sanremo, doch ausgerechnet vor dem legendären ersten großen Frühjahrsklassiker der Saison liegt der Sieger der Primavera von 2015 flach. „So schwer es mir fällt, ich muss für das Rennen absagen“, sagt Degenkolb schwer enttäuscht: „Ich bin nicht in der Lage, komplett vorne mitzufahren.“
Dem 29-Jährigen vom Team Trek-Segafredo macht vor allem eine Nasennebenhöhlenentzündung zu schaffen, die das Luftholen erschwert. Ein Start bei der mit 291 Kilometer längsten Tortur der Saison? Unter diesen Voraussetzungen für Deutschlands erfolgreichsten Klassiker-Spezialisten undenkbar. Zu groß ist das Risiko, das weitere Frühjahr mit dem Höhepunkt Paris-Roubaix (8. April) durch falschen Ehrgeiz aufs Spiel zu setzen.
So muss Degenkolb vor dem Fernseher verfolgen, wie morgen Vormittag der Startschuss in die 109. Auflage der Classicissima ohne ihn erfolgt – und womöglich ein anderer Deutscher groß auftrumpft. Top-Sprinter Andre Greipel hat in der Vergangenheit mehrfach seine Klassikertauglichkeit unter Beweis gestellt.
„Seine Form lässt darauf schließen, dass er in der Lage ist, vorne mit anzukommen. Wenn es einen Sprint gibt, dann kann er auch ganz vorne landen“, sagte Degenkolb. Für den 35-jährigen Greipel wird es darum gehen, im zehrenden Rennen an den Schlüsselstellen Cipressa und Poggio den Kontakt zur Spitze nicht abreißen zu lassen.
Traditionell wird an den beiden Anstiegen das Finale eingeleitet. Gehört Lotto-Soudal-Profi Greipel auf dem Schlusskilometer noch zur Spitzengruppe, zählt er angesichts seiner Sprint-Qualitäten zu den Sieganwärtern. Greipel dämpfte dennoch die Erwartungen. „Man hat bei den letzten Austragungen einfach gesehen, dass es für Sprinter ziemlich schwierig wird“, sagte er. „Der Reiz von Sanremo ist auch, dass man nie weiß, was passiert“, ergänzte Degenkolb.
Ohne Druck wird Greipels Sprint-Rivale Marcel Kittel das Rennen bestreiten. Der 29-Jährige vom Team Katusha-Alpecin gibt sein Debüt beim ersten Radsport-Monument der Saison. „Es ist schon sehr cool, wir können locker reingehen. Wir sind in keiner Favoritenrolle. Meine Devise ist, dass ich das Rennen erst einmal kennenlernen will“, sagte Kittel, der in Nils Politt (Köln) und Rick Zabel (Unna) zwei deutsche Teamkollegen an seiner Seite hat. Cipressa und Poggio findet Kittel nach einer Besichtigung „nicht so schwer wie gedacht, aber nach 260 Kilometern eine richtige Hausnummer.“
Mehr als Kittel und Co. haben die Top-Favoriten Michal Kwiatkowski (Polen/Sky) und Peter Sagan (Slowakei/Bora-hansgrohe) zu verlieren. Titelverteidiger Kwiatkowski und der im vergangenen Jahr knapp geschlagene Weltmeister Sagan lieferten sich zuletzt einen verbalen Schlagabtausch und heizten die Stimmung an. Gefährlich werden können dem Duo der Franzose Julian Alaphilippe (Quick-Step Floors) sowie Lokalmatador Matteo Trentin (Mitchelton-Scott).