Vom Druck befreit

von Redaktion

Bayerns Basketballer ziehen erstmals ins Eurocup-Halbfinale ein – was nun kommt, „ist Zugabe“

VON Patrick Reichelt

München – Reggie Redding war bestens gelaunt, als er nach getaner Arbeit durch den Audi Dome schlappte. Der US-Boy scherzte mit allen, die seinen Weg kreuzten. Vom 29-Jährigen war merklich eine Last abgefallen mit diesem 91:81 über UNICS Kasan. Man war dem Thema bis zuletzt ja bewusst ausgewichen. Doch die Erinnerungen, wie man nur ein Jahr zuvor gegen Unicaja Malaga vor eigenem Publikum das Eurocup-Halbfinale verspielt hatte, waren den Bayern schwer auf der Seele gelegen. „Es hat sicher keiner von uns vergessen wie sich das damals angefühlt hat“, sagte Redding, „für mich war klar, dass ich dieses Gefühl nie mehr erleben will.“

Der Allrounder aus Philadelphia hatte seine Schlüsse gezogen.. Im Serienfinale gegen Kasan nahm er gemeinsam mit seinem fliegenden Landsmann Jared Cunningham das Heft in die Hand, wann immer es nötig war. Gab mal den Spielgestalter, mal den Vollstrecker. 23 Punkte hatte er am Ende angesammelt. Deren sechs alleine in den beiden Schlussminuten, in denen die Bayern endgültig den Deckel auf eine spannende Partie setzten. Das ist eine Menge für einen Mann, der im laufenden Wettbewerb im Schnitt gut zehn Zähler aufgelegt hatte.

Das hatte man so nicht unbedingt erwarten können, nach seinem überschaubaren Premierenjahr im Audi Dome. Als er, wie das Gros seiner Teamkollegen, meist abtauchte, wenn es für seine Mannschaft wirklich wichtig wurde. Nun ist das anders. Der vielseitige Redding hat sich nicht nur zum unverzichtbaren Fleißarbeiter – mit durchschnittlich 25 Einsatzminuten ist er der mit Abstand strapazierteste Bayer – sondern eben auch zum Mann für die großen Momente entwickelt hat. Seinen Chef, Geschäftsführer Marko Pesic überrascht die Sache nicht. „Der Reggie ist ein Spieler, der sich wohlfühlen muss“, sagte der 40-Jährige, „und ich habe das Gefühl, dass er bei uns jetzt seine Heimat gefunden hat.“

Schöner Zufall, dass es Redding im historischen ersten europäischen Halbfinale seines Klubs nun ausgerechnet auf den Verein trifft, bei dem ihm das versagt geblieben war. Am kommenden Dienstag (18.45 Uhr) muss man zum Auftakt der Serie („best of 3“) bei Darüssafaka Istanbul ran, wo er 2015/16 eine mäßig erquickliche Spielzeit erlebt hatte.

„Ich muss ihm den Hintern versohlen“

Für ihn wird das auch ein sportliches Wiedersehen mit seinem Kumpel James Bell. „Es nervt ein bisschen, dass wir jetzt gegeneinander spielen müssen“, sagte er, „aber es tut mir leid, dann muss ich ihm jetzt eben den Hintern versohlen.“

Auch Pesic sieht der Sache fast schon vergnügt entgegen. Kein Wunder, seine Bayern hatten nach drei Viertelfinal-Niederlagen in Folge in Europa einen Schritt nach vorne machen wollen. Das hat man nun in der heißen Serie gegen UNICS Kasan geschafft. Ins Halbfinale wie auch in ein mögliches Final-Duell mit Kuban Krasnodar geht man als Außenseiter. Eine Ausgangsposition, die Pesic gefällt: „Wir müssen nichts mehr gewinnen“, betonte er, „Alles was jetzt noch kommt, das ist für uns Zugabe.“ Auch dass man nun den Heimvorteil nicht mehr auf seiner Seite weiß, stört Pesic nicht: „Das ist ein Vorteil. Der Druck liegt bei Darüssafaka.“

Wobei es schon die Frage ist, ob es die Bayern ín der Verfassung wie in diesem dritten Spiel gegen den Spitzenreiter der osteuropäischen VTB-Liga nicht tatsächlich noch weiter bringen können. Für die Münchner spricht das Kollektiv, sie schicken die gewachsenste Mannschaft ins Rennen. Die Ausfälle kompensieren kann. So wie den von Center Devin Booker, der einen insgesamt unglücklichen Abend krönte als er schon in Minute vier der zweiten Halbzeit mit einem technischen Foul seinen Arbeitstag beendete. Vor allem defensiv rückten die Bayern in der Folgezeit zusammen – das war einer der Schlüssel dafür, dass das Pendel letztlich doch zu ihren Gunsten ausschlug.

Und die Bayern haben Führungsspieler. Leute wie Reggie Redding eben, der sich gegen Kasan auch selbst vom Trauma befreite. In Istanbul wird er sich nun allerdings einen neuen Antrieb suchen müssen. Denn ein europäisches Halbfinale erreichte auch er noch nie.

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