So ganz genau konnte Sandro Wagner seine Gefühle am Sonntagabend augenscheinlich weder einordnen noch in Worte fassen. Denn keine 30 Sekunden, nachdem er den Satz „ich gehe heute trotzdem zufrieden ins Bett“ geäußert hatte, sagte er: „Ich bin jetzt ein bisschen enttäuscht, dass wir verloren haben.“ Zufrieden über das eigene Tor, traurig über die Mannschaftsleistung? Auch das stimmte nicht. „Ich will gewinnen, dann schieße ich lieber keins.“ Kurzum: Wagner redete sich um Kopf und Kragen. Man konnte darüber schmunzeln, gleichzeitig aber zeigte der Auftritt des Bayern-Stürmers das Dilemma, in dem sich die WM-Aspiranten im Sturm rund drei Monate vor dem Turnierbeginn befinden.
Allein der vergangene Spieltag bot mit Blick auf den Konkurrenzkampf im DFB-Team ja bestes Spektakel. Alle Aspiranten trafen, alle platzierten ihre Argumente beim Bundestrainer auf ihre Weise. Die Frage ist nur, was zählt: Tore, die schön sind? Tore, die gut herausgespielt werden? Die Anzahl an Toren? Oder das Ergebnis der Tore? Da stand es am Wochenende 2:2. Timo Werner traf und siegte, genau wie Mario Gomez. Sandro Wagner traf und verlor, genau wie Nils Petersen. Der Freiburger gehört zwar nicht unmittelbar zum Feld der Auserwählten, hat aber den Bonus, dass ihm der mit Abstand schönste Treffer gelang (und Jogi Löw auf der Tribüne saß).
Für den neutralen Beobachter in einem Land, das ja angeblich lange keine echten Stürmer hatte, bietet der nationale Wettbewerb durchaus Spannung, die der Meisterkampf schon lange nicht mehr vorweisen kann. Zumal vor allem die beiden, die letztlich um einen Platz kämpfen, keine Schwäche zeigen. Wagner hat in neun (teilweise Kurz-) Einsätzen seit seinem Wechsel zu Bayern fünf Treffer erzielt. Und Gomez kontert als Stammkraft in Stuttgart Woche um Woche, ab und an sogar doppelt. Beide sind mit Sicherheit keine schlechte Option als Back-Up hinter Timo Werner. Stand heute: Sogar eine gute.
Die Momentaufnahme macht Spaß, am Ende aber wird es darum gehen, wer a) seine Form halten und b) besser zur Spielweise der nominierten Mitspieler passt. Der Ton wird sich verschärfen in den kommenden Wochen und Monaten, das Duell sich zuspitzen. Dass Joachim Löw die ersten beiden Länderspiele des Jahres mit Wagner und Gomez im Kader bestreitet, tut da sein Übriges. Der direkte Vergleich wird womöglich neue Aufschlüsse bringen. Und in den kommenden beiden Wochen sollte man Wagner lieber nicht glauben, dass er „nur gewinnen will, auch wenn ich kein Tor schieße“. Ab jetzt geht es um nichts anderes als: Egoismus.