Ohne Knackpunkt-Potenzial

von Redaktion

Die Bayern wollen die Pleite bei RB als Ausrutscher verstanden wissen, ziehen aber ihre Lehren

von hanna raif

Leipzig – Knackpunkte kann man im Sport immer erst in der Retrospektive finden, das ist in einem einzelnen Spiel so wie im ganzen Verlauf einer Saison. In der Partie, die der FC Bayern am Sonntag in Leipzig mit 1:2 verlor, gab es keinen echten Knackpunkt, weder die Einwechslungen von Franck Ribery und Robert Lewandowski halfen noch irgendeine nennenswerte Einzelaktion eines anderen Bayern. Dass Spiele gegen Leipzig aber durchaus Knackpunkt-Potenzial haben, zeigt die Erfahrung der vergangenen fünf Monate.

Man ärgerte sich natürlich auch in Kreisen von RB, dass das 5:4, das die Bayern Ende Oktober in der zweiten Runde des DFB-Pokals feierten, der Startschuss war für die Festspiel-Wochen, die die vierte Amtszeit von Jupp Heynckes bisher geprägt haben. 22 Siege aus 25 Spielen stehen seitdem zubuche – dazu ein Unentschieden gegen Hertha BSC und zwei Niederlagen. Die erste davon ist vier Monate her und ereignete sich in Gladbach. Die zweite war gestern, als sich die Nationalspieler zu ihren Teams aufmachten, noch keine 24 Stunden her und ereignete sich am Sonntag in Leipzig.

Dort, wo noch lange nach Spielende gefeiert wurde, dass man dem Branchenführer ein Bein gestellt hatte. Mit einer raffinierten Taktik, einem 3-4-3-System, das laut Trainer Ralph Hasenhüttl „genau ein einziges Mal geübt wurde“. Das reichte, um die Bayern mit Sorgenfalten in die Länderspielpause zu schicken.

„Wir haben jetzt halt mal verloren, das ist doch nicht schlimm“, sagte Jupp Heynckes. Der Trainer aber wusste wie seine Spieler nur zu gut, dass sich der schwache Auftritt im eisigen Osten der Republik an eine zweite Halbzeit unter der Woche in Istanbul anschloss, die auch nicht von Souveränität geprägt war. Worte wie „kein Weltuntergang“ (Thomas Müller), „schlimm ist es nicht“ (Mats Hummels) und „wir sind Profis, wir können damit umgehen“ (Hasan Salihamidzic) wurden modifiziert von welchen wie „es wurmt uns“ (Hummels) und „das ist vielleicht eine Lehre“ (Brazzo). In Leipzig wurde der erfolgsverwöhnten Heynckes-Elf vor Augen geführt, dass 80 Prozent gegen motivierte und vermeintlich größere Gegner nicht genug sind. Salihamidzic: „Wir können den Rhythmus nur halten, wenn wir immer Vollgas geben.“

Das ist mit Blick auf die Tabelle – Stichwort: Schlendrian – leichter gesagt als getan. Man habe Zeitpunkt und genaue Rechenspiele zur Meisterschaft nicht im Kopf, versicherte Torschütze Sandro Wagner. Die entscheidenden Meter mehr aber fallen schwerer, wenn auch bei einer Niederlage nichts passiert. Mit 17 Punkten Puffer gehen die Bayern nun ins Heimspiel an Ostern gegen den BVB. Um sicher den sechsten Titel in Folge zu feiern, müsste Schalke Punkte lassen und sie selbst siegen.

„Vollkommen Wurscht“, sagte Wagner, ein Erfolgserlebnis aber wäre zum Start in die „knallharten Wochen“ durchaus von Vorteil. Immerhin hat Hummels in Taktik und Aggressivität der Leipziger Parallelen zum Champions League-Viertelfinal-Gegner entdeckt, der drei Tage nach dem Duell mit dem BVB wartet. „Es war ein gutes Beispiel, wie das Spiel in Sevilla laufen kann. Ich rechne damit, dass sie ähnlich laufstark sind und ähnlich euphorisch draufgehen werden“, sagte der Nationalspieler. Vor allem bei leichtfertigen Ballverlusten – davon gab es viele – ist Vorsicht geboten. 13:1 Torschüsse standen allein vor der Pause für RB in der Statistik. Die Bayern wehrten sich laut Brazzo „zu spät“.

Wie es nicht geht, weiß man seit Sonntag. Aber ein Knackpunkt? Nein! Man wollte die Niederlage als Ausrutscher verstanden wissen. Nicht nur in Leipzig wird man die Entwicklung der kommenden Wochen dennoch gespannt verfolgen.

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