WINTER-PARALYMPICS

Abschied vom Rampenlicht

von Redaktion

Deutsche Sportler wieder daheim – ob sie von ihren Erfolgen in Südkorea profitieren, ist ungewiss

Von Christopher Meltzer

München – Clara Klug drehte eine letzte Runde. Sie schüttelte Hände, umarmte Freunde, posierte für die Fotografen, spazierte weiter, vorbei an der Blaskapelle, die am späten Montagabend im Terminal 2 des Münchner Flughafen aufgetreten war, um die bayerische Paralympics-Reisegruppe zu empfangen. Dann, endlich, knöpfte sie ihre Jacke zu, zupfte die zwei umgehängten Medaillen zurecht, steuerte auf die Drehtür zu – und trippelte mit kleinen Schritten endgültig hinaus aus jenem Strudel der Aufmerksamkeit, der sie zuletzt umgeben hatte.

Für zwei Wochen war Klug, 23, in eine Welt eingetaucht, die ihr eigentlich fremd ist. Die großen TV-Kameras, die vielen Zuschauer, das kennt sie nicht. Die Winter-Paralympics in Pyeongchang waren die ersten für die blinde Biathletin aus München. Auf der größten Bühne ihres Sports hat sie aber Eindruck hinterlassen. Mit ihrem Begleitläufer, dem Weilheilmer Martin Härtl, hat sie „drei unglaubliche Rennen“ abgeliefert und zwei Bronzemedaillen erobert, was der Deutsche Behindertensportverband (DBS) prompt belohnte: Bei der Schlussfeier durfte Klug das deutsche Team mit der Fahne in der Hand anführen. „Ich war sehr glücklich und sehr stolz“, sagt sie.

Jetzt aber sind die großen Kameras wieder abgebaut, die vielen Zuschauer verschwunden. Und langsam drängt sich die Frage auf: Was können zwei schillernde Wochen verändern im Alltag eines Spitzensportlers, der meistens ziemlich mühsam ist?

Gerd Schönfelder hat sich mit dieser Frage oft auseinandergesetzt. Der Skifahrer hat 16 paralympische Goldmedaillen gewonnen, mehr als jeder andere. Trotzdem sagt er: „Ich weiß nicht, ob man dadurch einen dicken Sponsor erwarten darf.“ In Pyeongchang arbeitete Schönfelder als Experte für die ARD. Der Fortschritt in der Berichterstattung sei erstaunlich, erzählt er. Als das ARD-Team sich zum Abschluss der Spiele versammelt habe, seien 70 Mitarbeiter aufgetaucht. Der Aufwand faszinierte ihn, ohne ihn zu blenden. „Wir sind eine Randsportart“, sagt er, „wir kämpfen ab jetzt wieder mit denselben Problemen wie andere Randsportarten.“

Anna Schaffelhuber weiß, was sie nun erwartet. In Pyeongchang hat die Mono-Skifahrerin des TSV Bayerbach ihrer Sammlung zwei weitere Goldmedaillen hinzugefügt, sieben Stück sind es nun schon. Der Erfolg verlängert die Aufmerksamkeit aber nur um ein paar Wochen, höchstens. „Man muss das genießen“, sagt sie daher, „die Termine mitnehmen.“ Und stellt man sich geschickt an, kann man „sich für die nächsten vier Jahre etwas aufbauen“. Schaffelhuber hat diesen Zeitraum bereits abgesichert. Sie besitzt eine Förderstelle beim Zoll, erhält im Monat 2500 Euro.

Und Clara Klug? „Ich glaube schon, dass sich aus den Paralympics etwas für uns entwickelt“, sagt die Studentin. Auf Facebook hat sie in den vergangenen Tagen viele Zuschriften von fremden Menschen empfangen, die „es sonst nicht gibt“. Ihr Begleitläufer Härtl, 43, prophezeit aber trotz der guten Präsenz der vergangenen Tage, flott wieder „in ein mediales Loch“ zu fallen.

Es sind aber nicht nur die Sportler, die nun schnell ihre Ernte eintreiben müssen. Auch für den Verband bricht mit dem Ende der Paralympics stets eine entscheidende Phase in der eigenen Entwicklung an. Diana Stachowitz, die Präsidentin des Behinderten- und Rehabilitationssportverband Bayern (BVS), will die Strukturen nun modernisieren. Einen hauptamtlichen Skitrainer hat sie bereits eingestellt, hinzu kommt ein Assistenztrainer, der vor allem mit Talentsichtung beauftragt ist. Der Austausch mit den Schulen, Kliniken und Vereinen soll verbessert werden. Denn die Paralympics locken stets neue Sportler an. Nur fehlen die Trainer, die sie entdecken und fördern.

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