München – Das Foto ist imposant, auch heute noch. So ziemlich alles, nein: wirklich alles darauf sieht nach einer verheißungsvollen Zukunft aus. Die Sonne scheint über dem Brandenburger Tor von Berlin, der WM-Pokal funkelt in den Armen zweier Sonnyboys, bei dem einen sticht der stramme Bizeps ins Auge. Es sieht alles danach aus, als hätte der deutsche Fußball die Welt top im Griff. Womöglich, wie Franz Beckenbauer 1990 etwas vorschnell prognostiziert hatte, diesmal sogar auf viele Jahre hinaus.
Wenn die Welt in wenigen Wochen versuchen wird, sich dem deutschen Klammergriff zu entziehen, wird der Mann mit dem strammen Bizeps die kleinste Sorge sein. Vor vier Jahren wurde Mario Götze mit seinem Finaltor der Held von Rio, doch immer akuter droht dem Dortmunder die Zuschauerrolle, wenn es in Russland an die Titelverteidigung geht. Joachim Löw verzichtet auf der Zielgeraden vor dem Turnier mit den Tests gegen Spanien und Brasilien auf den 25-Jährigen, ebenso auf André Schürrle, den zweiten Sonnyboy damals auf dem Foto bei der Feier nach dem WM-Coup in Berlin. Der Vorlagengeber des entscheidenden Tores muss wie Götze auf den berühmten Treuebonus des Bundestrainers hoffen. Auch für Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger reservierte Löw gerne Kaderplätze. Es ist die letzte Hoffnung.
Götze sucht sich seit vier Jahren selbst, und erst letzte Woche nach dem Aus in der Europa League gegen Salzburg schimpfte BVB-Coach Peter Stöger, er sei mit dem Nationalspieler „überhaupt nicht einverstanden“ gewesen. „Wenn so gar nicht umgesetzt wird, was wir wollen, müssen wir anderen Jungs eine Chance geben.“ Ähnlich könnte es Löw sehen, seine Auswahl in der Offensive ist enorm. Die imposanten Fotos vom Sommer 2014 verblassen zusehends. ANDREAS WERNER