Nationalspieler als Schauspieler

von Redaktion

Von Günter Klein

München/Düsseldorf – Der DFB war unschuldig, trotzdem bekam in den Kommentaren auch er wieder was ab. Der Tenor: Dieser Fußball – einfach nur noch überdreht.

Geschehen war: Eine Agentur hatte über Facebook eine Anzahl junger Damen angeschrieben, denen folgender Job offeriert wurde: Betreuerin von Fußball-Nationalspielern bei Werbeaufnahmen in Düsseldorf.

180 Euro Gage für maximal elf Stunden. „Sparte: Werbedreh – aber dein Einsatz ist hinter der Kamera.“ Aufgabe: „Jeder Spieler bekommt eine Betreuerin, die ihm hinter den Kulissen assistiert – also wenn er Hunger oder Durst oder Kopfschmerzen hat. Jede Betreuerin kennt auch den Einsatzplan ihres Spielers vor der Kamera, sodass sie ihn immer informieren kann.“ Dummerweise ging das am 8. März raus, dem Weltfrauentag – was der Agentur einige bissige Repliken eintrug wie „dass Männer einen Kühlschrank und ein Getränk auch selbstständig öffnen können“.

Marketingtag(e). Das gehört für einen Nationalspieler nun mal dazu. Zumindest wenn er ein ernsthafter Kandidat für das nächste große Turnier ist. Alle zwei Jahre zu WM oder EM fahren die Sponsoren des DFB-Teams größere Kampagnen. Da joggen dann Trainerstab und Spieler, uniformiert mit Kapuzenpullis, gemeinsam zur Commerzbank-Filiale. Man prostet sich außerdem mit Bitburger zu, und für Mercedes wird immer ein Spot gedreht, der einen Etat verschlingt wie eine abendfüllende Fernsehproduktion. Und auch die Innovationen von Adidas wollen in Szene gesetzt sein.

In der Regel versucht der DFB, seine Verpflichtungen im Januar zu erledigen. Doch weil die Winterpause kurz war wie lange nicht und die Klubs nach Rückkehr aus den Trainingslagern irgendwo im Süden gleich wieder in die Bundesliga einstiegen, muss heuer eben im März gedreht werden. Düsseldorf als Mode- und Medienstadt eignet sich sehr gut dafür, auch München und Berlin mit ihren Filmstudios wurden in der Vergangenheit vom DFB gebucht.

Die Spieler nehmen die Drehs von der spaßigen Seite. Ist ja mal was anderes, sich – so war es zur WM 2006, da begann das mit dem Marketing – für ein Buch als Strenesse-Model in Szene setzen zu lassen. Oder – der Fall vor der EM 2008 in den alpinen Ländern Österreich und Schweiz – Bergsteigerszenen im Outfit von Luis Trenker nachzustellen.

Die Spieler für Werbung einzusetzen, ist immer heikel, was die Rechtelage angeht. Diese Erfahrung machte Oliver Bierhoff als Nationalmannschafts-Manager in der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft 2006. Da hatte er sich Folgendes ausgedacht: Die jungen Spieler sollten einen kleinen Uhrmacherkurs machen, sich einfach mal zeigen lassen, wie eine gute Uhr aufgebaut ist, wie ein Rädchen ins andere greift, wie Abhängigkeiten entstehen und ein Ganzes nur in der Summe seiner einwandfrei funktionierenden Teilchen entstehen kann – doch weil der Spezialist von einer bekannten Schweizer Firma kam, musste abgeklopft werden, welcher Spieler einen privaten Uhrenvertrag mit einem anderen Anbieter hatte. Am Kurs beteiligten sich zwar alle – manche durften dabei aber nicht fotografiert werden.

Inzwischen hat man den Fall, dass die Sponsoren der Nationalmannschaft oft für ein konkurrierendes Produkt zu dem stehen, wofür Spieler in ihren Vereinen werben. Das klassische Beispiel ist: Die Bayern fahren Audi, das Auto der Nationalmannschaft jedoch ist Mercedes.

Wie den Konflikt lösen? Es geht nur mit der Nachgiebigkeit der Profivereine, die Arbeitgeber der Spieler sind und Zugriff auf die Werberechte haben. Im Grundlagenvertrag zwischen Deutscher Fußball-Liga (DFL) und Deutschem Fußball-Bund (DFB) ist geregelt, dass die Klubs ihre Spieler für die Werbepartner der Nationalmannschaft zur Verfügung stellen. Das war auch ein Argument, mit dem DFB-Präsident Reinhard Grindel auf dem letzten Außerordentlichen Bundestag des DFB im Dezember warb: Einnahmen, die der Profifußball dem DFB ermögliche, würden in Teilen wieder bei der Amateurbasis landen.

Ab 1. Januar 2019 legt der DFB eh zu: Volkswagen, das bereits Partner beim Pokalwettbewerb ist, löst bei der Nationalmannschaft Mercedes ab. Mehrertrag pro Jahr: 20 Millionen Euro.

Beim Marketingtag vor der EM 2020 werden die Nationalspieler dann mit gespieltem Glück in Modelle aus Wolfsburg steigen.

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