Saisonstart der Formel 1

Champion mit besonderem Antrieb

von Redaktion

Lewis Hamilton setzt sich für die Umwelt und gegen Rassismus ein – doch es tun sich auch Widersprüche auf

von christopher meltzer

Wie praktisch so ein Strohhalm sein kann, weiß Lewis Hamilton ganz genau. Wenn er in seinem Rennwagen sitzt, eingezwängt unter seinem Helm, muss er für einen kleinen Schluck Wasser einfach das Visier nach oben schieben, seinen Lippen um das Plastikröhrchen schließen und einmal ziehen. Er könnte das Visier dann wieder zuklappen und an seinen Sport denken, an die nächste Kurve, das nächste Überholmanöver. Nur gehört es eben zu den Eigenarten Hamiltons, dass er sich nicht alleine mit dem Motorsport auseinandersetzen will. Also hat er vor wenigen Tagen auch seine Haltung zu Plastikröhrchen vorgetragen. Er sagte: „Keine Plastikröhrchen zu benutzen macht für die Weltmeere einen großen Unterschied.“

Auf die Verschmutzung des Planeten weist Hamilton besonders oft hin. Irgendwann, auch das hat er gerade erst erzählt, möchte er für eine Umweltschutzorganisation arbeiten. Doch jetzt, da sich in Australien die Fahrer der Formel 1 zum Start der neuen Saison verabredet haben, will der Brite zunächst daran erinnern, dass er auch mit 33 Jahren noch der Schnellste der Szene ist.

Hamilton erreicht 15 Millionen Follower

Die Formel 1 ist Hamiltons große Bühne – und er ihre schillerndste Figur, ein begnadeter Rennfahrer, mutig und trickreich, viele sagen, der Beste im Business. Weil Mercedes, sein Arbeitgeber, viel Geld in die Entwicklung des Wagens investiert, dominiert er die Rennserie. Viermal ist er schon Weltmeister geworden, zuletzt dreimal in vier Jahren.

Mit dem Helm auf dem Kopf ist Hamilton berühmt und reich geworden. Wenn er ihn aber ablegt, verhält er sich anders als die meisten Sport-Millionäre, politischen Fragen weicht er nicht aus, er bezieht Stellung. „Ich könnte mich natürlich einfach ins Auto setzen und Rennen fahren“, sagte er mal der „Süddeutschen Zeitung“. „Oder ich kann mehr machen und den Menschen die Hand reichen, um wirklich einen Unterschied zu machen.“

Wenn Hamilton etwas sagt, verbreitet sich die Botschaft schnell. Auf Facebook, Instagram und Twitter erreicht er rund 15 Millionen Follower. Gerne gibt er dort auch Einblicke in ein Leben der Extravaganz, er trifft Rapper, die noch dickere Goldketten tragen als er selbst. Er, der einzige Popstar der Formel 1, hat aber auch nicht jene Zeit vergessen, als es „viele Leute gab, die auf uns herabgeschaut haben“. Sein Großvater wanderte 1955 von Grenada nach England aus. Es gab manche Nächte, da hat Hamilton auf dem Boden geschlafen – und unzählige Tage, an denen er wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wurde. Er sagt: „Ich wurde schikaniert.“

Heute setzt er sich gegen Ausgrenzung ein. Er glaubt, dass sein Status in der Gesellschaft ihn dazu verpflichtet. Als viele afroamerikanische NFL-Profis sich im vergangenen Herbst aus Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA während der Nationalhymne in die Knie gegangen sind, solidarisierte Hamilton sich mit ihnen. In der Flüchtlingsdiskussion unterstützte er den Kurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Die Grenzen zu öffnen, als sonst niemand gehandelt hat: Das fand ich inspirierend“, sagte er.

In den Mittelpunkt seiner Kampagne hat er aber den Umgang mit der Umwelt gestellt. „Wir beuten die Natur aus und halten das für selbstverständlich“, sagt Hamilton, der sich inzwischen nur noch vegan ernährt. „Es ist höchste Zeit, dass wir etwas verändern.“ Die Forderung richtet sich vor allem an die politische Elite. Das Problem seien einflussreiche Menschen, die behaupten, es gebe den Klimawandel nicht. Ganz konkret: US-Präsident Donald Trump. „Wie kann der Leader der freien Welt behaupten, dass es diese Dinge nicht gibt“, fragte Hamilton im „Blick“.

Mit einem Steuertrick sparte er vier Millionen

Nun versprüht Lewis Hamiltons seine Sicht auf die Welt mit einem großen Idealismus. Wer allerdings tiefer buddelt, vorbei an den bunten Instagram-Bildern und den mahnenden Snapchat-Ansagen, dem tut sich ein Widerspruch auf. Im vergangenen November deckten der „Guardian“ und die „SZ“ auf, dass Hamilton vermutlich einen Steuer-Trick angewandt hat, um sich viel Geld zu sparen. In Kanada hatte der Brite einen Privatjet gekauft. Anstatt ihn aber in der EU einzuführen, landete er 2013 auf der Isle of Man, einer Insel in der Irischen See, die mit dem EU-Mitglied Großbritannien ein Zollabkommen vereinbart hat. Das Flugzeug, 20,3 Millionen Euro wert, war damit faktisch in der EU importiert, versteuert wurde es aber nach den laschen Regeln der Isle of Man, abgewickelt mit Hilfe einer Briefkastenfirma. Ein Kniff, der Hamilton rund 4,06 Millionen erspart haben soll. Angeblich besitzt er noch andere Briefkastenfirmen.

Die Geschichte mit dem Flugzeug wirft weitere Fragen auf. Kann es ein Umweltaktivist vertreten, mit einem Privatjet durch die Welt zu düsen? Und wie passt es ins Bild, dass jener Umweltaktivist seit Jahren mit dem Motor-Zirkus der Formel 1 von Land zu Land zieht? Im Fall von Lewis Hamilton verbleibt zumindest die kleine Hoffnung, dass er diesen Fragen nicht ausweicht.

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