München – An das Auswärtsspiel beim VfR Garching hat Daniel Bierofka beste Erinnerungen. Der Gegner wird von Daniel Weber trainiert, einem Freund aus gemeinsamen Fortbildungstagen. So einem zeigt man besonders gerne, was man taktisch drauf hat; und der 3:0 (2:0)-Sieg, den die Löwen am 9. September einfuhren, war ja auch ein tadelloser Auftritt. Die Bierofka-Schützlinge siegten mit selten gesehener Leichtigkeit, glänzten mit ansehnlichem, höchst effektiven Umschaltfußball (zweimal Karger vor der Pause, einmal Mölders danach). Damals dachten nicht wenige, die jungen Löwen, obwohl erstmals in der Liga ohne den verletzten Timo Gebhart angetreten, hätten ihre Reifeprüfung abgelegt. Inzwischen weiß man: Was die B-Note angeht, war das Gastspiel in Garching ein Ausreißer.
Hinter den gebhartlosen Löwen liegt ein schwerfälliger Herbst, in dem auch so mancher Zähler auf der Strecke blieb. Inzwischen stimmen zwar wieder die Ergebnisse, Bierofkas Team punktet so fleißig wie zu Beginn der Saison. Jedoch: Die Qualitätsdebatte ist nun mal in der Welt – und offensichtlich nicht so leicht zu stoppen. Ob in der Stehhalle beim Giesinger Bräu, in den Boazn rund ums Stadion – überall in Giesing brüten die Fans über der Frage: Sind diese Löwen wirklich aufstiegsreif? Reicht die Klasse des Kaders auch, wenn es im Mai gegen andere Kaliber geht als Buchbach, Seligenporten, Unterföhring?
Auch beim Pressegespräch vor dem Wiedersehen mit Garching wurde die spielerische Armut des Tabellenführers thematisiert. Was eine Ja, aber . . .-Antwort des Trainers nach sich zog. Ja, räumte Bierofka ein: Aus der schlappen ersten Halbzeit gegen Unterföhring gelte es, die richtigen Schlüsse zu ziehen. „Wichtig ist es, die Balance zu halten“, sagte er. Gefolgt vom Aber-Teil der Antwort, in dem sich der Coach den überkritischen Teil des Anhangs zur Brust nahm. „Sie sollen sich überlegen, ob sie schon nach 20 Minuten den Finger zum Pfeifen in den Mund nehmen müssen“, tadelte der 1860-Coach: „Nach dem Spiel können sie von mir aus gerne pfeifen. Man sollte aber immer bedenken, dass wir nicht durch die Bank eine Profimannschaft sind, sondern auch viele junge Spieler dabei haben.“
Als psychologisch günstig könnte sich erweisen, dass sich der „heiße Atem des FC Bayern“ (Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge) zuletzt etwas abgekühlt hat. „Bayern hat gegen Nürnberg eine vor den Latz bekommen, aber aufgeben werden sie deshalb nicht“, sagte Bierofka: „Im Gegenteil. Die werden sich sagen: Jetzt erst recht!“ Zugeben musste er allerdings: „Das ist eine Chance für uns, dass Bayern nicht mehr so dicht an uns dranhängt.“
Auf zwölf Punkte können die Löwen ihren Vorsprung ausbauen, wenn sie heute auch das vierte Heimspiel 2018 gewinnen. Leicht wird das nicht gegen das fünftbeste Auswärtsteam, das zudem von Pfiffikus Weber trainiert wird, Bierofkas Bruder im Geiste, was akribische Spielvorbereitung angeht. Jüngstes Beispiel: Garchings Coach ließ unter der Woche mit Ohrstöpseln trainieren, um sein Team auf die Giesinger Lärmhölle vorzubereiten.
Bei der Frage nach Dauersorgenkind Gebhart hätte womöglich auch Bierofka gerne die Ohren auf Durchzug gestellt. Seine Antwort auf diese Frage ist seit Wochen die gleiche. Nein, sagte er auch gestern: Besserung beim Achillessehnen-Patienten sei nicht in Sicht. Mehr als Radfahren sei weiterhin nicht drin. Die beliebte These, dass es ja reichen würde, wenn Gebhart zum Endspurt um den Aufstieg fit wird, lässt sich womöglich nicht mehr lange halten. „Die Zeit wird immer weniger“, weiß Bierofka: „Und auf hundert Prozent zu kommen, wird eh schwierig. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.“ uli kellner