Wieder mal neue WM-Trikots: Von Graustufen, Schnürkragen, Preußens Farben und Angies Raute – eine Stilkritik

von Redaktion

Es kommt einem bekannt vor. Weiß, V-Ausschnitt, Streifen auf den Schultern und das charakteristische, geometrische Muster auf der Brust. Dass die neuen Shirts für die WM in Russland an die Nationaltrikots von 1990 erinnern, ist kein Zufall. Zwar ist der Bruststreifen in der Version von 1990 in Schwarz-Rot-Gold gehalten, während die neue Version die Nationalfarben mit verschiedenen Grau-Abstufungen nur andeutet, doch alles in allem ist die Ähnlichkeit verblüffend. Das neue Trikot der deutschen Mannschaft ist trotz aller Nostalgie jedoch ein Kind seiner Zeit: Tailliert geschnitten; mit kurzen Ärmeln, die den Bizeps betonen. Ebenso das grüne Ausweichdress, das heute Abend gegen Spanien Premiere feiert.

Das Nationaltrikot der deutschen Mannschaft ist seit jeher modischen Schwankungen unterworfen. Das Hemd der Fußball-WM 1954 beispielsweise gilt zwar mittlerweile als Kult, der Schnürkragen allerdings lässt sich aus heutiger Sicht eher in die Schublade der geschmacklichen Verirrungen stecken. Oder das wirre Zick-Zack-Muster von 1994: Modisch fragwürdig. Überdies waren die Hemden der Nationalspieler lange Zeit sehr weit geschnitten und damit etwa so elegant wie T-Shirts aus dem Museums-Shop.

Mal versuchte man es mit auffälligen Nationalfarben, mal nähte man sie versteckt in die Ärmelbündchen ein. Es wurden neue Elemente hinzugefügt wie bei der WM 2014 mit dem roten V-förmigen Streifen auf der Brust oder Klassiker aufgetragen wie bei der EM 2016. Gänzlich unangetastet von allen stilistischen Experimenten blieb dabei aber schon immer die Grundfarbe: Bis 1988 waren die Trikots konsequent weiß, mit schwarzem Kragen und schwarzer Hose. Auch wenn man nach der Wiedervereinigung begann, das alte Design neu zu interpretieren, seinem Weiß blieb man treu.

Beim Blick auf die Farben Deutschlands stellt sich jedoch die Frage, wie man auf diese Farbkombination gekommen war: Als 1908 das erste Länderspiel Deutschlands (Gegner: Schweiz) stattfand, wunderte sich darüber niemand. Schwarz und weiß waren die Farben Preußens, dem damals wichtigsten Staat im deutschen Kaiserreich. Stellvertretend für ganz Deutschland wurden sie für das Trikot der Nationalmannschaft übernommen.

Das Weiß der Spielerkleidung ist aber nicht die einzige Konstante: Bei jedem neuen Trikot gehen zudem immer die Meinungen auseinander. Einen Entwurf, der allen gefällt, gab es bis heute nie. Auch wenn man meinen könnte, dass man durch die Kopie des Designs von 1990, dem bisher beliebtesten, nicht viel falsch machen kann: Vielen gefällt auch dieses wieder nicht. Verwöhnt durch die farbenfrohe Gestaltung des Trikots der letzten WM, finden viele das diesjährige Dress zu farblos, trist, uninspiriert. Im Internet sind die Missfallensbekundungen teilweise sehr originell. „Siegfried 50“ findet etwa: „Als meine Frau und ich das Trikot zum ersten Mal sahen, stellten wir uns gleich dieselbe Frage: ,Wieso kommt Angies Raute aufs Hemd?’“ Der User „Sorgenkind“ meinte, „das ist so unfassbar hässlich“, während „KarlheinzM“ sinnierte: „Warum muss eigentlich zu jedem Turnier ein neues Trikot kreiert werden? Das ist nicht nachhaltig und ressourcenschonend.“

Unbeeindruckt von allen Diskussionen bleiben aber die Nationalspieler selbst. Die können sogar mit den Schnürkragen von 1954 eine WM gewinnen. VIKTORIA RAUCHHAUS

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