Aufgeregte Schein-Debatte

von Redaktion

Von Wolfgang Sporer

Als Toto Wolff das Ding zum ersten Mal an seinem schönen neuen Silberpfeil sah, hätte er das optische Ärgernis am liebsten sofort wieder beseitigt, auf die brachiale Art. „Wenn man mir eine Kettensäge gibt, würde ich es abschneiden“, brummte der Mercedes-Teamchef. Er vergriff sich dann aber doch nicht am neuen Halo, dem „Heiligenschein“, der ab dieser Saison für alle Formel-1-Wagen Vorschrift ist – und zugleich eine Sache, an der sich die Geister extrem scheiden. Die einen begrüßen die Titan-Konstruktion, die fortan die Köpfe der Piloten umgibt, als sinnvolle und notwendige neue Sicherheitsmaßnahme. Die anderen wünschen den Heiligenschein zum Teufel. Vor allem, weil er ihr Auge beleidigt.

Empörung über die „Klobrille!“

Keine Neuerung der letzten Jahre hat die Gemüter in der Königsklasse derart erhitzt wie dieser Bügel, den der Motorsport-Weltverband FIA als zusätzlichen Schutz für die Piloten eingeführt hat. Der Halo soll u.a. dafür sorgen, dass die Köpfe der Fahrer bei Unfällen nicht von heranfliegenden Großteilen wie Rädern getroffen werden können. Die FIA hatte hier eine Schwachstelle im Sicherheitssystem erkannt und die Lücke nun geschlossen. Doch das kommt bei vielen Akteuren der Königsklasse gar nicht gut an – auch bei einigen, um deren Köpfe es geht. „Was scheiße aussieht, ist auch scheiße“, lästerte der dänische Haas-Pilot Kevin Magnussen. Und auch der belgisch-niederländische Red-Bull-Fahrer Max Verstappen, bekannt als notorischer Draufgängertyp, lehnt das Plus an Sicherheit grundsätzlich ab, aus ästhetischen Gründen. Der Halo sei „einfach hässlich“. Punkt.

So richtig erbost ist Marc Surer. Der ehemalige Formel-1-Pilot und TV-Kommentator aus der Schweiz nennt das neue Schutzsystem „eine Klobrille“ und bemängelt, Alternativlösungen seien nie konsequent verfolgt worden, etwa die „Shield“ genannte Windschutzscheibe. Sebastian Vettel testete diese in Silverstone zwei Runden lang – und berichtete anschließend von leichten Sichtproblemen, ihm sei unterwegs etwas schwindlig geworden. „Das war’s dann“, schimpfte Surer. „Das war doch eine Alibiübung, um den Halo zu rechtfertigen.“ Nach Ansicht des Schweizers ist der schließlich verordnete Titanbügel eine unangemessene Maßnahme, die an den Realitäten des Rennsports völlig vorbei geht. „Wie oft haben wir es denn“, fragt er, „dass ein Rad mitsamt Radträger mit 200 Sachen geflogen kommt?“

Zum Glück äußerst selten. Doch ein anderes Argument, das Halo-Kritiker gegen das neue Schutzsystem auffahren, wiegt wohl schwerer: Die Zeitverzögerung beim Ausstieg aus dem Cockpit. Bislang war vorgeschrieben, dass die Piloten in der Lage sein mussten, ihr Auto innerhalb von fünf Sekunden zu verlassen. Durch den Halo verlängert sich die Mindest-Ausstiegs-Zeit nun auf sieben bis acht Sekunden. Ein Risiko-Plus also im Fall der (Not-)Fälle.

Die FIA freilich nennt dies einen „zu vernachlässigenden Nebeneffekt“ und verweist auf ihre Studien, in welche Daten von 40 realen Unfällen Eingang fanden. Ergebnis, laut FIA: Der Halo steigert die Überlebenschance für die Piloten bei Crashs um 17 Prozent.

Laudas große Sorge: Zu viel Sicherheit

Für Niki Lauda ist der „Heiligenschein“ dennoch „fürchterlich“, ja sogar „der größte Rückschritt“. Der Mercedes-Team-Oberaufseher befürchtet nämlich durch den Halo einen weiteren Attraktivitäts- und Image-Verlust für die Königsklasse – und wettert: „Hört auf mit dem Versuch, die Formel 1 komplett sicher zu machen!“ Den Faktor Unberechenbarkeit sieht der Österreicher als substanziellen Bestandteil der PS-Show, eine garantierte permanente Risiko-Präsenz als Kernmerkmal des GP-Sports. Jeder Fahrer müsse sich „entscheiden, ob er einen Kiosk aufmachen oder Formel 1 fahren will“, sagt Lauda, der bekanntlich 1976 als Pilot einen Feuerunfall auf dem Nürburgring knapp überlebt hat – und trotzdem heute dafür plädiert, es mit der Sicherheit nicht zu übertreiben. Denn das vertreibt nur das Publikum, meint der Österreicher. „Die Leute werden das Interesse verlieren, wenn die Fahrer nicht mehr etwas Besonderes tun müssen. Es muss einfach klar sein, dass es nur die besten Fahrer der Welt können.“

Warum der Kitzel für die Zuschauer größer sein soll, wenn man die rasenden jungen Männer weniger schützt als dies möglich wäre/ist, das hat der 69-Jährige allerdings nicht erklärt. Der Rennfahrer aus der Vergangenheit tut ganz so, als ginge es der FIA darum, eine Formel 1 ohne (spektakuläre) Unfälle zu schaffen. Und nicht darum, möglichst umfassend Vorsorge zu treffen, dass Crashs für die Betroffenen glimpflich enden. Da sagen viele, die die Durchsagen Laudas hören: Er denkt halt – selbst in seinem Alter – nur bis zur ersten Kurve und nicht weiter.

Hamilton sagt Ja zum „Alien“

Und was sagt die erfolgreichste Fahrer der letzten Jahre zum Thema Mehrsicherheit durch neue Maßnahmen? Lewis Hamilton, der vierfache Weltmeister und Titelverteidiger, hat sich mit dem Halo auch nicht gleich anfreunden können – ihm kam der Bügel über dem Cockpit zunächst vor „wie ein Alien“. Zudem störte ihn, dass durch das aufgepflanzte Schutzsystem die Autos erneut schwerer geworden sind (der „Heiligenschein“ wiegt rund sieben Kilo), „und das hat natürlich einen Einfluss, wenn man fährt“. Aber, da ist sich der Brite sicher: „Wir werden uns schnell daran gewöhnen. Es wird schnell Normalität. Und selbst, wenn Halo nur vor kleineren Verletzungen schützt, ist er schon gerechtfertigt.“ Seinem Chef Wolff gab Hamilton übrigens den Rat, sich mit dem Bügel anzufreunden und ihn lieber als Möglichkeit zum Geldverdienen zu sehen, anstatt sich dauerhaft über die optische Zumutung zu ärgern: „Ich habe Toto gesagt, dass da zusätzlicher Platz für Sponsoren entsteht.“

In Erinnerung an Katastrophen der Vergangenheit argumentiert McLaren-Pilot Fernando Alonso. „Ich habe leider einige Freunde und Kollegen verloren, seit ich Formelsport betreibe“ sagt der Spanier mit Verweis auf die tödlichen Unfälle von Henry Surtees (2009, englische Formel 2), Jules Bianchi (2014/Formel 1/gestorben an den Unfallfolgen 2015) und Justin Wilson (2015/Indy-Car-Serie). Alonsos Schlussfolgerung: „Wenn es eine Vorrichtung gibt, die unsere Sicherheit erhöht, dann lasst uns diese benutzen. Ich stehe dem Halo positiv gegenüber. Über Ästhetik können wir uns später Gedanken machen.“

Vettel: Verzicht auf Halo wäre „dumm“

Das sehen Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen genauso. Der deutsche Ferrari-Star und viermalige Champion findet, es wäre „dumm, etwas zu ignorieren, das uns in bestimmten Situationen hilft“. Vettels Teamkollege Kimi Räikkönen kann die Aufregung über den Halo ebenso wenig verstehen. Der Finne meldete nach den Winter-Testfahrten, dass das Titan-Teil inklusive der relativ dünnen Strebe vor der Nase „uns beim Fahren nicht beeinträchtigt. Wir nehmen es kaum wahr. Es dient ganz allein der Sicherheit, und das ist eine gute Sache.“

Ein Verstappen oder Magnussen, ein Lauda oder Surer mögen das bislang anders bewerten und hartnäckig bei ihrer Ablehnung des Safety-first-Prinzips bleiben. Doch eines zumindest scheint dann doch schon jetzt hundertprozentig sicher: Spätestens dann, wenn das erste Piloten-Leben durch das neue Gefahrenabwehr-Element bewahrt worden ist, werden auch die schärfsten Kritiker den „Heiligenschein“ nicht länger verteufeln.

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