Hart gegen andere, hart gegen sich selbst. Ein kompromissloser Abwehrrecke. So ließe sich Sven Bender charakterisieren. So einen wirft nichts um, möchte man meinen. Oder doch? In diesen Tagen haben wir einen anderen Sven Bender erlebt, als Zeuge im Prozess gegen den BVB-Attentäter. Seine Aussage hat viel über den Profifußball erzählt, über Zwänge, über Druck. 24 Stunden nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus Champions League zu spielen, sei ein Fehler gewesen, hat Bender gesagt und bedauert, dass man ihm und seinen Kollegen keine Gelegenheit gegeben hat, das Erlebte zu verarbeiten, zu schnell sei das Thema abgehakt gewesen. Denn die Show musste weitergehen, viel zu viel Geld hängt daran, als dass man auf menschliche Befindlichkeiten Rücksicht nehmen könnte.
Zufällig hat fast zeitgleich Per Mertesacker ein bemerkenswertes Interview gegeben, das das Bild vom Traumjob Fußballprofi weiter relativiert. Mertesacker, wie Bender auf dem Platz nicht eben zimperlich, hat von Dingen erzählt, die so gar nicht in die Glitzerwelt des prosperierenden Fußball-Business passen, von üblen körperlichen Reaktionen auf den Druck, sich vor Zigtausenden im Stadion, vor Millionen an den Bildschirmen, vor scharfen Kritikern und gnadenlosen Fans nur keine Blöße geben zu dürfen, stets höchste Erwartungen erfüllen zu müssen.
Wen aber interessiert das? Jedenfalls keine Verbände, die mit immer mehr Spielen immer mehr Geld scheffeln wollen, nicht die Vereine. Und schon gar nicht Lothar Matthäus. Klar, Druck gehört dazu, damit fertig werden zu können, auch das ist Teil des recht komplexen „Talent“-Begriffs. Wer dem Druck nicht gewachsen ist, hat in den höchsten Ligen nichts verloren. Wessen Körper zu anfällig ist, ist halt nicht geschaffen für den Profi-Fußball. Nur gut kicken zu können, das reicht längst nicht mehr. Cool muss man sein, reichlich abgebrüht, unheimlich stark und eiskalt. Zumindest nach außen. Wie’s drinnen aussieht? Geht keinen was an.
Ach Lothar! Natürlich, ganz unrecht hat er nicht, wenn er sagt, Druck sei Teil des Systems. Natürlich werden Profis mit absurden Summen dafür entschädigt, Woche für Woche kritisiert, bewertet, beschimpft und manchmal auch angepöbelt und öffentlich bloßgestellt zu werden. Aber darf man deshalb nicht mehr Mensch sein, mit seinen Sorgen, seinen Problemen, seinen Versagensängsten? Die Würde des Menschen ist unantastbar – lässt sich dieser Grundsatz mit Geld einfach aushebeln?
Sollten Sie eine Antwort auf die Frage suchen, warum aus dem Weltklasse-Kicker Matthäus nie der Erfolgstrainer Matthäus geworden ist, vielleicht hat er sie nun selbst gegeben. Indem er fehlende Empathie beweist, sogar an Mertesackers Eignung zweifelt, nun noch eine führende Rolle in der Nachwuchsakademie von Arsenal zu übernehmen. Vielleicht aber ist es genau das, was die hoffnungsvollen Talente brauchen, einen Mann, der ihnen rechtzeitig klar macht, dass bei weitem nicht alles Gold ist, was im Fußball-Business so schön glänzt. Der sie dringend anhält, nicht allein auf Fußball zu setzen, sich ein zweites Standbein aufzubauen, das wenigstens den existenziellen Druck nimmt, der sie vorbereitet auf das, was auf sie zukommt, der ihnen sagt, dass Geld eine schöne Sache ist, aber eben nicht alles.
Noch immer verzichten viele Vereine auf intensive sportpsychologische Begleitung, erwarten aber, dass der Spieler auf Knopfdruck funktioniert, keine Schwäche zeigt. Nicht einmal nach einem traumatischen Erlebnis wie dem Anschlag auf den BVB-Bus. Dabei wird einfach vergessen, dass auch harte Abwehrrecken wie Mertesacker und Bender nicht Maschinen sind. Sondern Menschen, die Fußball spielen.
Zwischentöne