Es ist eine rennsporthistorische Zäsur, die ins Auge sticht: Kurz bevor die Formel 1 an diesem Sonntag loslegt, wenn die Wagen in der Startaufstellung stehen, wird dort erstmals unübersehbar etwas nicht mehr zu sehen sein, was zuvor immer da war. Die Grid Girls sind weg. Ganz schön traurig, sagen die einen. Richtig so, sagen die anderen.
Ein Blick in den Rückspiegel: Seit jeher war das Grid Girl eine attraktive Begleiterscheinung der Männer-Rennsportwelt. Schon im alten Rom, bei den Wagenrennen im Circus Maximus, sollen junge Damen in luftigen ferrari-roten Gewändern die Pferdegespann-Lenker flankiert haben, ehe die antiken Racer in die oftmals letzte Challenge ihres Lebends davonpreschten. Die puellae arenae, die Mädchen der Rennbahn, so hat es der altrömische Sportdichter Flavius Fictivus beschrieben, gaben, wenn sie in der Formel Cäsar die Startnummern I bis XX hochhielten, „durch ihren göttlichen Liebreiz den Herzen der Helden Zuversicht, im rasenden Kampfe ruhmreich zu bestehen“.
Geschmeidig formuliert, muss man sagen. Doch Achtung! Fictivus galt als einer, der gerne mit Fakten jonglierte. Und aus heutiger Sicht muss man seinen Ausführungen sowieso ordnungshalber hinzufügen: Die puellae arenae – falls es sie wirklich gab – wurden schon damals zweifelsfrei vor allem als Dekorations-Objekte benutzt, als reine optische Staffage. Das blieb so bis heute. Bis der moderne Zeitgeist jetzt endlich Schluss gemacht hat damit. Bye-bye Grid Girl – der amerikanische Formel-1-Eigner Liberty Media schiebt einer uralten Entwürdigungskultur im Jahr 2018 n. Chr. den Riegel vor und ersetzt die Mädels jetzt durch Kinder, die Grid Kids. Weil Kinder einfach süß sind und Einsätze von Knirpsen zu PR-Zwecken politisch korrekt, yes! Wie niedlich und vorbildlich feinfühlig, dieser neue Kurs der Königsklasse!
Racer der alten Schule kommen natürlich nicht klar mit der Veränderung. Für Niki Lauda etwa ist die Abschaffung der Deko-Girls absoluter Unsinn („Haben die denn einen Vogel!?“), er befürchtet einen Image-Schaden für den Männersport Formel 1. Von mancher FeministInnen-Seite wiederum wird argumentiert, hier seien attraktive weibliche Arbeitsplätze mutwillig zerstört worden. Ein sinnvoller Kompromiss wäre vielleicht gewesen, künftig ausgebildete Mechatronikerinnen in hochgeschlossenen Arbeitsoveralls am Grid aufzustellen, die Autobranche hätte so gender-technisch anständig punkten können. Doch Chance vertan. Und so bleibt nur, am Ende der Grid Girl-Ära nochmal den antiken Sportpoeten zu Wort kommen zu lassen: „Oh, Mädchen der Rennbahn, schöne Beflüglerin der Sinne! Vertrieben bis du nun vom Geist der Zeit. Doch parkst du auf ewig in unseren Herzen!“ Ja, so ungefähr hätte der alte Fictivus wohl final gedichtet, hätte es ihn wirklich gegeben. Und nicht nur Lauda hätte ihm wehmütig applaudiert.