Brasiliens Schmerz lässt nach

von Redaktion

Deutsche 0:1-Niederlage, weil der Gegner einmal besser köpft – Pfiffe für Münchner Wagner

Von GÜNTER KLEIN

Berlin – Irgendwann musste es passieren, dass die deutsche Nationalmannschaft wieder ein Spiel verliert. Den schönen Hausrekord aus den frühen 80er-Jahren unter dem Bundestrainer Jupp Derwall – 23 Partien ungeschlagen – verfehlte sie somit um eine Partie. Doch es ist für einen Weltranglisten-Ersten zu verschmerzen, wenn es gegen den Weltranglisten-Zweiten passiert, gegen Brasilien. In diesem Fall erfüllte die deutsche 0:1-Niederlage einen guten Zweck: Sie linderte die Seelenpein, die den Gegner seit jenem 1:7 im WM-Halbfinale vor vier Jahren gefangen hielt.

Das Konzept der Deutschen: klare Ausrichtung auf den großen Zielspieler in der Angriffsmitte, gut eine Stunde Mario Gomez, danach Sandro Wagner. Wenn man solch einen Kanten vorne drin stehen hat, sollte man ihn mit hohen Bällen von den Flügeln beliefern. Das tat die DFB-Elf mit wahrem Eifer. Liefen die Angriffe über rechts, fiel es meist Leon Goretzka zu, den Ball nach innen zu bringen, über links war Marvin Plattenhardt, Berliner Lokalmatador, der Vorlagengeber. In einigen Szenen tauchte im Zentrum neben Gomez auch Rechtsverteidiger Joshua Kimmich auf. Vor Brasiliens Tor war immer mindestens ein Hauch von Gefahr.

Der unrund gehende Kapitän Boateng muss raus

Das Tor der ersten Halbzeit gelang aber der Selecao – nach deutschem Muster. Flanke, Kopfball, drin. Willian flankte von rechts, und Gabriel Jesus, 20 erst, aber schon von internationaler Berühmtheit dank seiner Auftritte bei Manchester City, traf den Ball mit der Stirn so perfekt, als hätte er eine Intensivwoche bei Horst Hrubesch am Kopfballpendel gebucht. Kevin Trapp, DFB-Torwart der ersten Hälfte, wurde des Spielgeräts nicht Herr, bekam es erst hinter der Linie zu fassen – wodurch es keine Bedeutung mehr hatte, dass es der nachsetzende Jesus final ins Netz bugsierte. 0:1 in der 38. Minute – just, als die Deutschen ihre dominanteste Phase hatten.

Ihre Angriffe hatten die Brasilianer bis dahin anders vorgetragen. Es waren schnelle Konter, Wirbelattacken von Philippe Coutinho oder Aktionen von Jesus, der kurz vor seinem Treffer Boateng und Rüdiger, das deutsche Innenverteidiger-Duo schön ins Leere flutschen ließ, dann aber drüber donnerte.

Der Plan von Jogi Löw war es gewesen, zur Halbzeit Torhüter und Mittelstürmer zu wechseln, „wenn der Spielverlauf es zulässt“. Bei 0:1 sah er die Voraussetzung als nicht erfüllt an. Er wechselte erst nach einer Stunde und dann anders: Schicht für Leroy Sané, der die märchenhaften Erzählungen über sein Wirken in der Premier League nicht mit Leistung belegen konnte. Für ihn kam Lars Stindl, für Goretzka Julian Brandt. Gleich darauf dann: Gomez runter und Sandro Wagner, Begrüßt wurde der Bayern-Angreifer so unfreundlich, wie es in deutschen Stadien sonst nur beim Leipziger Timo Werner die Norm ist. Hintergrund: das Hertha-Kapitel in Wagners Vita. Er war ein Flop. Und als er mit Darmstadt vor drei Jahren zurückkehrte, poste er ein wenig zu aufreizend vor der Hertha-Fankurve. Wagner übernahm eins zu eins die Gomez-Position, es kamen wieder die hohen Bälle.

Löw wechselte beherzt weiter (so konnte der unrund gehende Boateng aufhören), sein brasilianischer Amtskollege Tite wartete bis zur 73. Minute – seine Elf stand auch gut, hatte vorne weiter lichte Momente.

Die Deutschen stürmten gegen die Niederlage an. Vergeblich. So blieb die meistbeklatschte Aktion eine dem Lehrbuch deutscher Fußballtugend entnommene saubere Strafraumgrätsche des eingewechselten Niklas Süle. Freute man sich halt darüber.

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