Eishockey

Silber-Generation vor Rücktrittswelle

von Redaktion

Christian Ehrhoff machte den Anfang – wer aus dem Nationalteam ihm nach den Playoffs folgen könnte

Von Günter Klein

Berlin – Und auf einmal ist Eishockey wichtig geworden.

Ein Nationalspieler tritt zurück – voriges Jahr wäre es noch eine Randspaltennotiz in den Zeitungen gewesen. In einigen, nicht in allen.

2018 aber: Meldung in der Tagesschau. Und am nächsten Morgen kommt das Interview dazu im Frühstücksfernsehen. Um kurz vor acht Uhr erzählt Christian Ehrhoff, warum er am Sonntag nach dem Playoff-Ausscheiden der Kölner Haie mitgeteilt hat, dass das sein letztes Spiel gewesen war. Und die WM in ein paar Wochen habe ihn nicht mehr gereizt, fragte die Moderatorin. Ehrhoff lächelte milde: „Das Finale bei Olympia war mein internationaler Abschluss.“

Die Öffentlichkeit war überrascht, Franz Reindl, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), weniger. Er rechnet mit weiteren Rücktritten und einem Umbruch in der Nationalmannschaft. Eventuell schon bei der WM ab dem 4. Mai in Dänemark.

Grundsätzlich war das Olympia-Turnier der Abschluss eines Zyklus. Nach dem Verpassen der Spiele von 2014 in Sotschi hatte man in Pyeongchang was nachzuholen. Vielen älteren Akteuren wie dem Nürnberger Patrick Reimer, dem Münchner Yannic Seidenberg oder dem Mannheimer Marcus Kink fehlte trotz permanenter WM-Teilnahmen dieser Baustein in der Karriere.

Ein weiterer Anreiz war die Heim-Weltmeisterschaft 2017 in Köln. Die auf absehbare Zeit letzte in Deutschland. Den bisherigen Ausrichter-Rhythmus 1993 – 2001 – 10 – 17 wird der DEB nicht beibehalten. Er ist ein kleiner Verband, die Organisation wird immer aufwendiger, 2017 nahm Deutschland mit Frankreich erstmals einen Partner dazu – und solche Kooperationen sind, wie Franz Reindl sagt, das Zukunftsmodell. Der Garmisch-Partenkirchner wird ab dem Sommer in eine weitere vierjährige Legislaturperiode gehen – eine WM-Bewerbung strebt er nicht an. Bis 2022 sind alle Turniere auch schon vergeben (2019: Slowakei, 2020: Schweiz, 2021: Weißrussland/Lettland, 2022: Finnland).

Bundestrainer Marco Sturm sah Pyeongchang als die Belohnung für eine Spielergeneration, die das deutsche Eishockey über den Tiefpunkt der olympischen Absenz 2014 hinwegbrachte. Er hätte auf einigen Positionen auch anders nominieren können, wollte aber denen danken, die die Qualifikation im Herbst 2016 bei einem Turnier in Riga ermöglicht hatten.

Dadurch hatte er eine Ü30 am Start. Die Torhüter Danny Aus den Birken und Dennis Endras, die Verteidiger Christian Ehrhoff, Moritz Müller, Frank Hördler, Yannic Seidenberg, Daryl Boyle, die Stürmer Marcel Goc (zurückgekehrt nach einem Kreuzbandriss), Marcus Kink, Patrick Reimer, Felix Schütz stehen im vierten Lebensjahrzehnt.

Eishockey auf hohem Niveau kann man in der DEL auch mit Mitte und teilweise Ende dreißig noch spielen – allerdings mit dem Kompromiss, sich auf die Klubkarriere zu konzentrieren. So wie es Michael Wolf gemacht hat, der Kapitän des EHC München, heute 37. Früher spielte er auch noch im Sommer (die Inline-Variante), vor drei Jahren reduzierte er sein Programm, ließ auch die Nationalmannschaft weg, die ihn ja auch um die November-Pause (Deutschland-Cup, da ist Wolf Rekordspieler) gebracht hatte. In der Liga konnte Wolf seine hohe Produktivität beibehalten. Bei Olympia 2018 wäre er, wenn er gewollt hätte, im Kader gestanden, doch er sagt: „Nach drei Jahren habe ich schon Distanz gewonnen – auch wenn ich beim Fernsehen nervöser war als die Spieler auf dem Eis.“

Für die Publicity des deutschen Eishockeys ist es ein Glück, dass die nun etwas bekannter gewordenen Spieler von Marco Sturms Silber-Truppe in den am Donnerstag beginnenden Playoff-Halbfinals fast noch alle vertreten sind. 19 der 25 verteilen sich auf München (7), Mannheim (6), Berlin und Nürnberg (je 3). Ausgeschieden sind die Olympia-Teilnehmer aus Köln, Wolfsburg, Ingolstadt.

Die Konstellation birgt allerdings auch Gefahr: Playoffs hinterlassen enttäuschte Spieler. Oder bei den Siegern müde. Die Alles-Spieler werden Ende April bei an die 90 Saisonpartien stehen. Und sich fragen: Jetzt noch eine WM? In Herning, Dänemark? Daher: Weitere Rücktritte sind möglich. Felix Schütz (Köln), gebürtiger Erdinger, meldete sich für die WM bereits ab. Er brauche eine „mentale Pause“.

Marco Sturm kann dafür auf seine Nordamerikaner zurückgreifen: Leon Draisaitl wird mit Edmonton nicht in den Playoffs sein und könnte ein erneuertes DEB-Team anführen. Und: Die Nationalmannschaft ist durch den Silberglanz attraktiver geworden. Wer nicht bei Olympia war, den lockt die WM: Die Krefelder Daniel Pietta und Marcel Müller, produktivstes deutsches Sturmduo in der DEL, wechselten, weil ihr Verein keine Pre-Playoffs spielte, in die zweite schwedische Liga, um die Nominierungschance für die WM zu wahren. Ein gutes Zeichen.

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