70 Jahre aus dem Hintergrund

von Redaktion

Jubilar „Katsche“ Schwarzenbeck bleibt sich bis heute treu – dabei hat er dem FC Bayern das Tor zur Welt geöffnet

VON HANNA RAIF

München – Auf den ersten Blick ist Hans Georg Schwarzenbeck nicht zu sehen. Was eher ins Auge sticht, ist der Preis; 12,50 D-Mark, damals, 1974, eine Stange Geld, für 3,30 Mark mehr gab es noch ein paar Bonus-Tracks dazu. Fußballfans mussten zur Heim-WM tief in die Tasche greifen, um ihre Stars singen zu hören. Die Beckenbauers, Maiers, Breitners, Hoeneß‘ und Müllers dieser Welt. Aber eben auch den Schwarzenbeck. Hinten steht er, in der zweiten Reihe der Männer mit den hellblauen Trainingsanzügen. Auch er sang „Fußball ist unser Leben“. Nicht ganz so elanvoll wie manch anderer, aber im Chor mit der Nationalmannschaft.

„1974 und 1978 haben wir mit der Nationalmannschaft jeweils eine Schallplatte aufgenommen“, erinnert sich der Weltmeister, als er von unserer Zeitung auf jene Aktivitäten abseits des Platzes angesprochen wird, welche die Mannschaft mit Freude absolvierte. Ausflüge in die schillernde Musikwelt waren da freilich nur ein plakatives Beispiel, genauso gut hätte man über Fernseh-Werbung oder Fotoshootings reden können. Aber der Mann, den die meisten – außer seine Familie – seit der Jugend „Katsche“ nennen, hat sich „keine Gedanken darüber gemacht“, was die anderen nebenher so treiben, und stand auch selbst ab und an in einem Tonstudio. Dass das aber eher aus Gruppendynamik und in Ausnahmefällen geschah, passt zu dem bodenständigen Leben, auf das er am kommenden Dienstag zu seinem 70. Geburtstag zurückblickt. Ganz zufrieden, ganz bescheiden. „Rampenlicht“, sagt er, „habe ich genug auf dem Spielfeld genossen.“

Tatsächlich gab es ja eine Menge Titel zu feiern in dieser Zeit, die rückblickend als größte Ära des Rekordmeisters gilt. Damals sei dem Team, das sich heute noch blendend versteht („so eine gemeinsame Erfahrung prägt und verbindet“), gar nicht bewusst gewesen, „an welcher Entwicklung wir teilhaben und wie viele Erfolge wir erreichen werden“. Es waren einige: fünf Deutsche Meisterschaften, drei DFB-Pokal-Siege, Europapokal-Gewinn der Pokalsieger, drei Europapokal-Siege der Landesmeister und der Gewinn des Weltpokals. Schwarzenbeck prägte sie maßgeblich mit.

Der Beiname „Putzer des Kaisers“ stört ihn bis heute nicht. Warum auch? Er drückt ja nur aus, dass er als Abwehrspieler dem Libero Franz Beckenbauer bei dessen Vorstößen den Rücken freigehalten hat. „Genossen“ hat er das, es war ihm „ein Vergnügen“, weil er unter den Weltbesten war. Einen Satz sagt Schwarzenbeck bei diesem Thema gerne: „Ich habe das gemacht, worin ich am stärksten war: Verteidigen.“ Nicht mehr und nicht weniger – aber das sehr gut.

Mit 70 Jahren, rund vier Jahrzehnte nach dem Karriereende, zu das die schmerzende Achillessehne ihn zwang, geht es im Leben schon lange um andere Dinge als sportlichen Erfolg. Familie, Freunde, einen erfüllten Alltag. Schwarzenbeck spricht rückblickend von „drei Jobprofilen“, die seine Vita geprägt haben. „Buchdrucker, Fußball-Profi und Kaufmann – aber nur auf dem Fußballplatz konnte ich mein Hobby zum Beruf machen.“

Später musste er trotzdem kein Manager, Trainer oder TV-Experte sein („war nichts für mich“). Den Bayern blieb er vielmehr als Geschäftspartner verbunden. Erst 2009, ein Jahr nach seinem sechzigsten Geburtstag („Ein Sechzger? Da ich in München geboren bin, bin ich mit dem TSV 1860 und dem FC Bayern aufgewachsen, außerdem freue ich mich über jeden Geburtstag“), schloss das Geschäft „Schreibwaren Nitzinger“ in der Ohlmüllerstraße. Für die Stammkunden aus der Au ein herber Verlust.

Über Fußball kann man heute mit dem gebürtigen Münchner reden, wenn man ihn so mal trifft. Eine klare Meinung hat er, ist bestens informiert. Und er mutmaßt schmunzelnd: „Einen Stammplatz hätte ich auch heute noch beim FC Bayern“. Zwar nicht mehr als Vorstopper oder später Libero, wie zu seinen aktiven Zeiten im roten Trikot zwischen 1966 und 1981, sondern „als Innenverteidiger“. Seine Stärken – Zweikampfgeschick, Kopfballspiel, Kompromisslosigkeit, Härte und Übersicht – wären heute noch genauso gefragt wie damals. Zumal er auch auf dem Platz das Draufhauen stets anderen überließ. 22 Gelbe Karten stehen aus 15 Jahren Bundesliga in der Statistik, ein einziges Mal, im DFB-Pokal, wurde Schwarzenbeck vom Feld gestellt. Ein Philipp Lahm alter Tage.

Überhaupt war Schwarzenbeck, der mit 13 Jahren von den Sportfreunden München kam, ja schon damals jemand, der für den „alten FC Bayern“ stand. Fußball war Fußball und nicht Showgeschäft – und dass ausgerechnet er dem Klub, dem er sein Leben lang treu war („Angebote gab es, meine Entscheidung zu bleiben, hat sich aber gelohnt“) das Tor zum Weltfußball öffnete, ist die passende Pointe. Es passierte am 15. Mai 1974 in der Nacht von Brüssel und – natürlich – aus dem Hintergrund. Kurz vor dem Ende der Verlängerung stand es im Finale um den Europapokal der Landesmeister gegen Atletico Madrid 0:1, dann landete Katsches strammer Flachschuss aus 25 Metern im Tor. „Wichtig, schön und unvergesslich“ nennt Schwarzenbeck den Moment des Tores, das das Wiederholungsspiel erzwang. 4:0 gewannen die Bayern zwei Tage später – der Rest der Erfolgsgeschichte ist bekannt.

Was der Klub ohne ihn wäre? Diese Frage beantwortet er diplomatisch und sagt: „Der FC Bayern und ich waren und sind ein gutes Team.“ Er ist noch oft zu sehen in der Allianz Arena, zuletzt, als die Pokal-Sieger-Mannschaft von 1967 vor wenigen Wochen geehrt wurde. Und präsent ist Schwarzenbeck sowieso dauerhaft. Er gehört zur Geschichte dieses Klubs wie all diejenigen, die gerne in der ersten Reihe standen. Nur eben auf eine andere, herrlich sympathische Art.

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