Ansteckende Leidenschaft

von Redaktion

1,66 Meter. Kein Gardemaß. Nicht für Basketball. Trotzdem hat es Lena Bradaric in die Bundesliga geschafft, sogar ins Nationalteam. Wem, wenn nicht ihr, sollte man glauben, wenn sie sagt, mit harter Arbeit lasse sich alles schaffen? Nichts ist unmöglich, das ist ihr Slogan. Sie hat es bewiesen, das prädestiniert sie geradezu, diese Mentalität jungen Basketball-Talenten zu vermitteln. Seit Sommer letzten Jahres leitet die 24-Jährige gemeinsam mit ihrer Bad Aiblinger Teamkollegin Lindsay Sherbert die Deutsche Basketball Akademie, ein ehrgeiziges Projekt, das Bad Aibling zum Basketball-Ausbildungsstandort erster Güte machen soll.

Jedem seine „persönliche Meisterschaft“

Dabei geht es nicht allein um die Förderung des sportlichen Talents, eng verzahnt ist die Akademie mit dem Dietrich-Bonhoeffer-Bildungs-campus und seiner Sport-Privatschule. „Wir haben hier Rahmenbedingungen, die ihresgleichen in ganz Bayern suchen“, schwärmt Stefan Bradaric, Lenas Vater und Geschäftsführer des Bundesligisten TBA Fireballs. Das Gelände der früheren US-Kaserne in Mietraching ist zu einem Innovations- und Sportpark geworden, das Deutsche Fußball Internat hat sich hier angesiedelt und die Deutsche Sport Privatschule gegründet. Vor zwei Jahren übernahm das Diakonische Institut für Bildung und Soziales (DIBS) die Institution und bietet jungen Sportlern, aber nicht nur ihnen, neben einem ordentlichen Schulabschluss die Möglichkeit, Begabungen weiterzuentwickeln. Wobei Schulleiter Markus Schmidt klare Prioritäten setzt: „Unser Auftrag als Schule ist, dass keiner ohne Abschluss geht.“ Daneben aber wolle man Talenten ermöglichen, „ihre ganz persönliche Meisterschaft zu feiern“.

Natürlich ist die Schule auch stolz darauf, wenn, wie vor ein paar Wochen, die Eishockeybuben der Starbulls Rosenheim deutscher Schüler-Meister werden, der Verein ist einer der sportlichen Kooperationspartner. Wie die Basketballer der TBA Fireballs, wie das Deutsche Fußball Internat. Auch Kickboxen, Tanz, Golf, Tennis und Tischtennis zählen zum Portfolio, in all diesen Sportarten können die Schüler gefördert werden. Viermal pro Woche stehen dafür 100 Minuten in der Stundentafel, im Fußball, Eishockey und Basketball lässt sich diese Zeit ausschließlich für das Training nutzen, man kann aber den Sport auch mit Intensivierung einer Sprache verknüpfen oder in der Schulfirma das Rüstzeug für künftige Unternehmer erwerben. Größten Wert legt Schmidt auf Digitalisierung, für ihn ist das neben Schreiben, Lesen und Rechnen „das vierte Kulturgut.“

Die Schüler, derzeit 260, können wählen zwischen Mittelschule, Realschule und Fachoberschule, in die Schulstunden, die jeweils 100 Minuten dauern, ist die Vertiefung des Stoffs integriert, begleitet von einer Fachkraft. Schriftliche Hausaufgaben werden somit schon im Unterricht erledigt, Schmidt hält das Konzept, das „von den Lehrenden mehr Umstellung erforderte als von den Schülern“, für „ein Modell, wie der Ganztag aussehen könnte“.

15 Schüler des Bildungs-campus haben sich für eine Ausbildung an der Basketball Akademie entschieden, mehr als die Hälfte sind männlich. Die Akademie arbeitet vereinsunabhängig, man muss nicht bei den Fireballs spielen, um in den Genuss dieser Einheiten zu kommen. „Wir wollen keinem umliegenden Verein die Spieler abziehen“, betont Lena Bradaric, im Gegenteil, sie und Lindsay Sherbert arbeiten eng mit den Vereinstrainern zusammen, stimmen mit ihnen die Einheiten ab. Die Kids kommen aus Rosenheim, Bad Aibling, aber auch Spieler des FC Bayern genießen hier ein zusätzliches Individualtraining, wer nicht Schüler am Bildungscampus ist, kann zweimal pro Woche in die Nachmittagseinheiten kommen. Gerade ist man dabei, Kooperationen mit den Gymnasien der Umgegend einzugehen, um mit der Einrichtung von Sportklassen auch Gymnasiasten ein Vormittagstraining zu ermöglichen.

„Next step“ sind die Jugend-Bundesligen

Ziel ist, „irgendwann einmal Schüler aus ganz Deutschland und Europa hier an der Akademie zu haben“, sagt Sherbert und träumt schon von einem eigenen Akademie-Team, das dann in den Jugendbundesligen antritt und die Ausbildungsqualität weiter stärkt. Das wäre dann der „next step“, natürlich erhofft man sich aus der Akademie auch Nachwuchs für die Fireballs, um langfristig mit selbst ausgebildeten Leuten in den höchsten Ligen spielen zu können, bei Damen und Herren.

Leuten wie Lena, ein echtes Bad Aiblinger Gewächs. Sie ist es, die bei Heimspielen der Bundesliga-Damen das Publikum in den „FireDome“ lockt und begeistert, sie ist es, die von den Fans gefeiert wird. Von solchen „local heroes“ hätte der Verein gerne mehr, mit der Akademie ist die Basis gelegt. Für Lena und Lindsay ist das mehr als nur ein Job, es ist eine Herzensangelegenheit. Sie arbeiten in der „Mini-GmbH“ ehrenamtlich, Lena, mit den Bachelor in Kommunikation und Medienmanagement ausgestattet, ist daneben als pädagogische Kraft am Bildungscampus tätig, Lindsay, die in den USA Leadership und Kommunikation studiert hat, unterrichtet nebenher Englisch. „Natürlich bekommt sie Angebote aus ganz Europa, wo sie mehr verdienen könnte“, weiß Stefan Bradaric, „doch sie sieht hier ein riesiges Potenzial für die Zukunft“.

Die Rahmenbedingungen sind auch traumhaft, hier, auf dem früheren Armee-Gelände, hat der Sport großartige Perspektiven. Die Halle, der „FireDome“, wurde Stück für Stück um- und ausgebaut, ist inzwischen ein Schmuckkästchen, das auch von den Zuschauern angenommen wird. Das Deutsche Fußball Internat hat neue Plätze angelegt, die Schule wächst und es gibt Pläne, weitere Sportarten aufzunehmen. Die B&O-Gruppe, ein Dienstleister der Wohnungswirtschaft, hat hier ein Tagungshotel errichtet und unterstützt die sportlichen Aktivitäten der Nachbarn. Auch die Basketball Akademie will weiter wachsen, Lena Bradaric und Lindsay Sherbert suchen nach Geldgebern, um Talente, die nicht in der Region wohnen, über Stipendien hier zu fördern. Es soll nicht am fehlenden Geld der Eltern scheitern.

Nächste Woche veranstaltet die Akademie wieder ihr „Recruiting Camp“, bei dem die Teilnehmer von Jeff Eakins, einem Coach mit NBA-Erfahrung, drei Tage lang intensiv unterrichtet werden. Immer mal wieder sind da Talente darunter, die Lena und Lindsay gerne in der Akademie sehen würden. Doch es geht ihnen nicht nur um Spitzenförderung, auch der Breitensport liegt ihnen am Herzen. „Von den Fünftklässlern kann jeder bei uns mitmachen, bei den Älteren wählen wir dann schon nach Talent aus“, erklärt Lena.

Sie kümmert sich genauso um die „BasKids Grundschulliga“, um Streetball rund um den Ausbildungsstandort Bad Aibling, sie erzählt von einem Jungen, der „kaum geradeaus laufen konnte, viermal pro Woche fleißig trainierte und schließlich in der U16 der Fireballs spielte“. Oder von einem Autisten, der den Bildungscampus besucht und sich für Basketball entschieden hat. „Für mich eine ganz neue Erfahrung“, sagt sie, „mittlerweile aber eine echte Bereicherung.“ Sie hat den Kindern erklärt, wie er zu nehmen ist, dass er eben ein bisschen anders, aber deshalb nicht weniger liebenswert sei. „Auch für mich war das eine Fortbildung, es gab Fragestellungen, mit denen man allein nicht klar kommt.“ Zum Beispiel, wie man ihn in ein Team integriert. „Hier lernt er nun viel, noch mehr aber lernen die anderen Kinder.“ Und sie selbst.

Mädchen und Jungs lernen voneinander

Mit der Kollegin Lindsay Sherbert steht sie erst am Anfang eines großartigen Projekts, dessen Grenzen noch längst nicht absehbar sind. Die beiden Bundesliga-Spielerinnen haben einen guten Draht zu den jungen Spielern gefunden, perfekt finden sie, dass hier Mädchen und Jungs miteinander ausgebildet werden können, „die einen profitieren viel von den anderen“. Im Sommer werden sich die beiden Akademie-Chefinnen sechs Wochen in den USA weiterbilden, Camps und Coaches besuchen, Kontakte knüpfen. „Ein gutes Netzwerk ist wichtig“, weiß Lena.

Zuvor aber will sie ihre eigene Saison abschließen, mit dem größtmöglichen Erfolg. Erst vor wenigen Wochen ist sie nach einem Kreuzbandriss aufs Parkett zurückgekehrt, schon aber hat sie wieder eine Führungsrolle übernommen. Am Samstag geht es im Playoff-Viertelfinale gegen Marburg, ein harter Brocken. Aber „natürlich wollen wir Meister werden“, sagt Lena Bradaric, „wir glauben daran, weil wir nie aufgeben“. Das ist die Einstellung, diese Mentalität, dieser Siegeswille, den sie ihren Schülern an der Akademie vermitteln will. Und das funktioniert am besten, wenn man es vorlebt.

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