Eishockey

Die bessere Form hat Mannheim

von Redaktion

Titelverteidiger EHC München startet in eine anspruchsvolle Halbfinalserie – Wie Marco Sturm den Adlern half

Von Günter Klein

München – Bill Stewart als Trainer der Adler Mannheim in einem Playoff-Spiel in München – da kann man auch im Jahr 2018 nicht anders, als diese Geschichte von 2001 noch einmal auf den Tisch zu bringen.

Eine andere Zeit: Wir hatten noch die D-Mark. Der Eishockeyverein in München hieß Barons und wurde von der amerikanischen Anschutz-Gruppe betrieben. Mit dem Namen Don Jackon konnte man in Deutschland noch nichts anfangen. 2001 war er Assistenzcoach bei den Chicago Blackhawks. Seine Karriere in der DEL, in der er ihr erfolgreicher Trainer aller Zeiten werden sollte, begann erst vier Jahre später.

Die München Barons spielten in der Finalserie (damals noch in maximal fünf Spielen ausgetragen). Mannheim führte mit 2:1 Siegen, das vierte Match in der Eishalle auf dem Oberwiesenfeld konnte schon die Entscheidung bringen. Im ersten Drittel gab es einen dramatischen Zwischenfall: An der Bande der Adler Mannheim kollabierte ihr Trainer Bill Stewart. Da lag er auf dem Boden vor der Bank, hielt benommen eine Hand vor die Stirn. Sanitäter eilten herbei. Ein paar Minuten Pause, dann stand Stewart wieder.

War es ein Schwächeanfall? Nein, im Verlauf des Abends, in dem die Mannheimer ihren dritten Sieg und die Meisterschaft feierten, kam heraus: Stewart hatte seine Ohnmacht nur gespielt. Der Grund war: Jan Alston, sein bester Spieler, hatte einen schlechten Schlittschuhschliff. Stewart zog die Aufmerksamkeit auf sich, Alston konnte in die Kabine huschen und sein Material nachbearbeiten lassen. Das Halunkenmeisterstück.

Dass Stewart nun wieder in Mannheim ist, verleiht dem heute (19.30 Uhr/Sport1 live) in München beginnenden Halbfinale (Best of Seven) einen Schuss Brisanz. Zwischen den Spielern dürfte es gesittet zugehen: Sieben Münchner und sechs Mannheimer bildeten den Kern des Olympia-Teams, das vor ein paar Wochen in Pyeongchang die Silbermedaille gewann. Das verbindet. Doch worin unterscheiden sich die Teams? Ein Vergleich.

Kadertiefe: Beide sind bestens ausgestattet, können vier Reihen aufbieten und behalten Spieler in Reserve (bei Mannheim zuletzt Ex-NHL-Crack Devin Setoguchi und Verteidiger Niki Goc). Allerdings müssen die Adler stets unter ihren Kontingentspielern auswählen, welche neun eingesetzt werden – München hat nur sieben und eine größere deutsche Fraktion.

Jackson will achten Titel in Deutschland

Trainer: Das Plus geht an Don Jackson vom EHC. Mehr als der Amerikaner kann man kaum erreichen, er strebt in Deutschland seinen achten Titel an. Er folgt dem Prinzip der ruhigen Hand, lässt vor der Mannschaft häufig seinen Assistenten Matt McIlvane sprechen und vertraut auf „veteran leadership“ im Team. Dort geben die Mitt- bis Enddreißiger Jaffray, Wolf und Aucoin den Ton an. Bill Stewart ist ein bisschen crazy, gibt aber vor, geläutert zu sein und Eskapaden jedweder Art zu vermeiden. Steht zu seiner Vergangenheit; stellte sich den Spielern in Straubing, wo er die Saison begann, vor mit dem Satz: „Alles, was ihr je über mich gehört habt, ist wahr.“

Form und Psychologie: Der EHC hat für seine Verhältnisse keine gute Viertelfinalserie gespielt gegen Bremerhaven. Er konnte zwar immer zulegen, wenn es gefordert war, erschien aber defensiv anfällig, war vorne umständlich; auch Olympia-Held Danny Aus den Birken war auf der Suche nach der Sicherheit. Die Statistik zeigt zudem, dass die Münchner drei ihrer letzten fünf Heimspiele verloren (eines gegen die Fischtown Pinguins, davor in der Liga gegen Iserlohn und, vor der Olympiapause noch, Wolfsburg).

Mannheim erinnert an den ERC Ingolstadt der Saison 2013/14: Streit im Verein, Rauswürfe – und mit neuem Führungspersonal die Wende. Dem Druck von oben (Familie Hopp, SAP) kann sich keiner aus der Mannschaft mehr entziehen. Geholfen hat den Adlern indirekt auch Bundestrainer Marco Sturm. Dass er sechs Mannheimer für Olympia nominierte (umstritten waren Sinan Akdag, Marcus Kink und David Wolf) und Marcel Goc zum Kapitän machte, hat das Selbstwertgefühl des Klubs gestärkt, wurde als Botschaft verstanden: Wir können es doch. Augenfällig der Aufschwung bei Dennis Endras. Der beste Spieler der WM 2010 blieb in Pyeonchang ohne Einsatz, begriff den Silber-Erfolg aber als Ansporn, die besten Zeiten der Karriere zurückzuholen. Rückhalt in der Viertelfinalserie gegen Ingolstadt, das zu diesem Zeitpunkt heißeste Team der DEL.

Umfeld: Münchner Fans spotteten diese Saison über das Operettenpublikum in der Mannheimer Arena. Doch auch die Zuschauer sind aus der Krise, die Stimmung könnte wieder so werden wie 2015 bei der Meisterschaft, als die Halle sogar bei den TV-Übertragungen von den Final-Auswärtsspielen voll war. In München war das Viertelfinale gegen Bremerhaven noch keine Top-Attraktion, nun gehen die Playoffs richtig los.

Von fast allen Plätzen aus übrigens kann man die Bank der Gäste gut sehen. Könnte ja sein, dass deren Trainer sich was ausdenkt.

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