Diesel im Eisbecken

von Redaktion

Münchnerin Ines Hahn war bei der Eisschwimm-WM in Estland top

VON ANDREAS WERNER

München – Ihr größter Coup fand statt, als es zappenduster geworden war. Die Organisation der Eisschwimm-WM in Tallinn war nicht gerade optimal. Aufgrund einiger Verzögerungen startete das Rennen über 450 Meter erst abends. Da steigt man noch weniger gern ins Becken als sowieso schon. Das Wasser des Hafenbeckens der Hauptstadt von Estland hatte bereits tagsüber ein Grad, die Außentemperatur war noch einmal gefallen in den letzten Stunden. Ines Hahn trotzte den miesen Umständen. Sie holte Gold.

5:40,57 Minuten bedeuteten Weltrekord, nie zuvor ist eine Frau über diese Distanz rascher durch Eiswasser gekrault. Die 25-jährige Münchnerin widerstand allen miesen Bedingungen, mit einem weiteren Gold über 200 Meter und Silber über 100 Meter wurde sie die erfolgreichste WM-Teilnehmerin. So fiel ihr selbst das Auftauen leicht. „Ich war voller Glücksgefühle, da ist einem sofort warm“, erzählt sie. Eigentlich ist der Prozess, wieder auf Normaltemperatur zu kommen, das Unangenehmste. Diesmal waren es eher die Bedingungen, die im Eisbecken herrschten.

Die Organisatoren hatten eine Schneise ins vereiste Hafenbecken geschlagen, Pumpen hielten das Wasser in Bewegung und verhinderten ein Zufrieren der Bahnen. Zeitweise fiel das Thermometer auf 0,3 Grad – „bisher war das Schlimmste bei mir 2,8 Grad, und da besteht schon noch einmal ein Unterschied, glauben Sie mir“, erzählt sie. 100 Meter im Wasser schneiden da ins Mark wie sonst vielleicht 500 oder 600. Zudem schwamm Hahn zwar schon öfter in Hafenbecken, in Tallinn aber war es, „ganz ehrlich, etwas eklig – da hat man den Diesel der Schiffsmotoren geschmeckt“. Irgendwie war es wohl auch ein Antrieb, schnell wieder raus zu sein.

Im Dunklen ist Hahn auch noch nie im Eiswasser unterwegs gewesen, aber es hat sich ja gelohnt, diese Strapazen auf sich zu nehmen, die andere schon beim Zuhören erschaudern lassen. Wobei: Gelohnt, das ist so eine Sache. Preisgeld gibt es keines, im Gegenteil, um mitzumachen, muss man sogar zahlen. 50 Euro pro Start. „Als Lohn erhält man nur Luft und Liebe – und Anerkennung“, sagt sie mit einem Lachen. Sponsoren riefen auch nach ihren WM-Coups keine an, nur „arena“ rüstet sie gratis aus.

So muss Ines Hahn sehen, ob sie ihre nächsten Ziele erreichen kann. Sie hat ihr Studium fertig, es hängt vom Job ab, ob noch Zeit für das Abtauchen in Eiseskälte bleibt. 2019 steht die Langstrecken-WM in Murmansk an, da wäre sie gerne dabei. Als ehemalige Kaderschwimmerin über große Distanzen sind die 1000 Meter ihre Paradestrecke, letztes Jahr holte sie in Burghausen Silber. Die nördlich des Polarkreises gelegene russische Hafenstadt würde zwar mit noch kälteren Temperaturen aufwarten, aber der Reiz ist dennoch da. Und sogar die Olympischen Spiele 2020 in Tokio hat Ines Hahn im Hinterkopf. Es gibt Bestrebungen, zumindest als Demosportart ins Programm aufgenommen zu werden. „Das ist keine Spinnerei – und klar wäre ich da gerne dabei.“

Aber jetzt ist erst mal Pause, und das ist auch gut so – Ines Hahn steht jetzt nicht am Seeufer und ist traurig, dass das Eis schmilzt, soweit geht die Faszination nicht. Anfang der Woche fuhr sie nach Burghausen, ins deutsche Mekka des Eisschwimmens, aber wegen eines Bewerbungsgesprächs, und sie war froh, dass sie wusste, sie muss mal nicht ins Wasser. Noch in Tallinn hat sie die Grippe gepackt, dabei wird sie nie krank, und ausgerechnet jetzt musste sie sich mit Fieber durchs halbe Baltikum schleppen: Mit dem Bus via Riga nach Vilnius, ihr Rückflug ging von Litauen aus. Im Gepäck hatte sie ihre Medaillen und schöne Erinnerungen – „aber es ging mir wirklich schlecht. Ganz ehrlich: Ich freue mich jetzt auf den Frühling und den Sommer.“

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