Die deutsche Nationalmannschaft hat ein Spiel verloren. Reflexartig ist die Bevölkerung bestürzt: Sind „wir“ jetzt nicht mehr WM-Favorit?
„Wir“ sind es trotzdem – außer die nächste Ausgabe der Weltrangliste spült Deutschland auf Platz zwei, was sein kann, weil es im direkten Duell Punkte eingebüßt hat gegen Brasilien, den Zweiten. Da werden die Wettbüros vielleicht schwanken, wem sie die beste Quote geben sollen. Aber weil sie sich an 2014 erinnern und die DFB-Auswahl Titelverteidiger ist und den Quotenmachern der alte Spruch von der Turniermannschaft durch den Kopf geht, werden im Mai/Juni die üblichen Meldungen laufen: Deutschland ist WM-Favorit.
Den betroffenen Sportlern sind solche Prädikate in der Regel egal. Ihre Karriere ist eine Aneinanderreihung von Drucksituationen, und weil sie irgendwann nachgewiesen haben, dass sie damit umgehen können, sind sie so weit oben angelangt. Sie zerbrechen nicht unter Erwartungen, sondern verlieren gelegentlich, weil das im Sport passiert und ein Gegner auch mal was kann. „Wir sind die Auslese“, hat Thomas Müller vor ein paar Tagen gesagt. Das Favoritenspiel lässt ihn unberührt – so wie uns alle die Benennung eines Geheimfavoriten nicht interessieren sollte. Denn wer Geheimfavorit genannt wird, ist ab diesem Moment auch nicht mehr geheim. Grüße nach Belgien mal wieder.
Man kann die ganze Sache auch mathematisch sehen. Wenn die Deutschen am Dienstagabend das 23. Mal in Folge nicht verloren hätten und auch die Vor-WM-Tests gegen Österreich und Saudi-Arabien bestehen würden, dann gingen sie mit einer 25er-Serie ins WM-Turnier. Unwahrscheinlich, dass sie sie auf 32 ausbauen könnten. Das wäre, als würde man eine komplette Ligasaison unbesiegbar sein. Gibt’s nicht auf högschdem Niveau, wie es Jogi Löw verkörpert.
Wir glauben, dass der Bundestrainer so fein kalkuliert hat, dass man das Spiel gegen Brasilien verlor. So geht man unverdächtiger ins Turnier im Sommer. Und man kommt darum herum, in einen Atemzug mit Jupp Derwall zu geraten. Dem bleibt die längste Ungeschlagenheits-Serie eines deutschen Bundestrainers erhalten. Aus den 23 Spielen, in denen die Mannschaft von Silberlocke Derwall uantastbar war, resultierte letztlich eine trotz Platz zwei unschöne WM 1982 (Auftaktniederlage gegen Algerien, Schande von Gijon, geteilt mit Österreich, Klatsche gegen Italien im Finale). So soll es nicht wieder kommen.
Ein bisschen abergläubisch darf man schon sein. Ob Favorit oder nicht.