Berlin – Am Mittwochmorgen ist die deutsche Nationalmannschaft auseinandergegangen. Ihr Wiedersehen ist erst am 23. Mai, wenn sie sich ins WM-Trainingslager nach Eppan begibt. Einige Spieler, die nun bei der Doppelmaßnahme Spanien/Brasilien dabei waren, werden aber nicht in den Genuss Südtiroler Gastfreundschaft (inklusive legendärer Weinkellerabende, wie es sie 2014 vor der letzten WM gegeben hatte) kommen.
„Der Trainer wird nicht heute Abend nominieren“, sagte Mario Gomez, als er am Dienstag das Berliner Olympiastadion verließ. Der Stuttgarter selbst wollte sich keine großen Gedanken machen, was die eigenen Berufungsperspektiven für die WM in Russland im Sommer betraf. Gegen Spanien war er eingewechselt worden, gegen Brasilien spielte er eine Stunde; ihm gelang kein Tor, aber seinen Mitbewerbern im Angriffszentrum (Timo Werner und Sandro Wagner) auch nicht. Gomez fand: „Wir sind schon ab und zu gut vors Tor gekommen. Bei acht, neun, zehn Kopfballchancen hat meist der letzte Zentimeter gefehlt, dass man sie ein bisschen anders kriegt.“ Er hatte seine Szenen, er ärgerte sich mächtig, als ihn der Linienrichter zweimal wegen Abseits strittig abwinkte – körpersprachlich war Gomez’ Vorstellung also okay.
Am schlimmsten gurkte Leroy Sané über den Platz
Wenn sich in Analysen auf den Aspekt Körpersprache bezogen wird, ist das immer ein Indikator für Unzufriedenheit und dass was schiefgelaufen ist. Es gibt kaum einen schwammigeren Begriff als „Körpersprache“, und wenn es wirklich so viel aussagt, ob man sich stolz in die Brust wirft oder wie ein Fragezeichen daherkommt, hätte Miroslav Klose mit seinen hängenden Schultern kein einziges Länderspiel bestreiten dürfen. Doch nach dem 0:1 gegen Brasilien war in fast allen Kommentaren von Körpersprache die Rede. Sie sei mangelhaft gewesen, monierte Julian Draxler, ebenso wie das Zweikampfverhalten. „Man kann hier und da schon eine andere Körpersprache erwarten“, monierte Toni Kroos. Und Bundestrainer Joachim Löw sagte: „Die Körpersprache war von einigen nicht gut.“ Etwas konkreter: „Wir haben diesmal keine Dominanz und kein Verantwortungsbewusstsein ausgestrahlt.“
Ohne dass Namen fielen – es war schon spürbar, dass einige es verpasst hatten, eine WM-Empfehlung vorzubringen. Rätselhafterweise, denn es war klar, dass dies das letzte Spiel vor der Nominierung des (vorläufigen) Kaders (am 15. Mai) sein würde, und Jogi Löw hatte so aufgestellt, dass keiner sich zu kurz gekommen fühlen musste. Doch die sogenannten Wackelkandidaten zeigten keine Entschlossenheit, am schlimmsten gurkte Leroy Sané über den Platz, der die Vorgaben des Trainers („Hinter die gegnerische Abwehr kommen“) kein bisschen umsetzen konnte. Doch auch von seinem Manchester-City-Kollegen Ilkay Gündogan kam nichts Produktives, im Mittelfeld ging so viel an Ordnung verloren, dass Toni Kroos das alles gar nicht reparieren konnte.
„Schwer zu erklären. Fakt ist, dass was gefehlt hat. Aber ich kann nicht bei jedem Einzelnen in den Kopf schauen“, resümierte Julian Draxler, der eher Stamm- als Ergänzungsspieler und auf der sicheren Seite ist. „Ich hätte auch mehr Dampf machen können, war nicht hundertprozentig zielstrebig. Über die beiden Spiele war ich mit meiner Leistung aber einverstanden.“
Es hat sich gezeigt, dass es für den Sommer in Russland schon klare Rangordnungen gibt, wer sich einer ersten Mannschaft zugehörig fühlen kann und dass es eine zweite Garnitur gibt. „Dem Bundestrainer war klar, dass er nicht voll auf Ergebnis spielt“, merkte Julian Draxler an. „Wenn’s wirklich nur ums Gewinnen gegangen wäre, hätte der Trainer anders aufgestellt“, meinte Mario Gomez. Allerdings hätte dann wohl auch Timo Werner im Sturmzentrum gespielt.
Löw: „Auch 2010 und 2014 haben wir im März verloren“
Löws Standing als Weltmeistertrainer und seine konstante Arbeit in zwölf Jahren als Chef erlauben es ihm, das Ergebnis auch mal nachrangig zu behandeln. „Wir haben das Spiel verloren, trotzdem kann ich gut leben.“ Er verwies auf 2010 und 2014, „auch da haben wir im März verloren“. Vor vier Jahren, gegen Chile, da sei man sogar richtig schlecht gewesen. Was Löw als krachende Niederlage in Erinnerung hat, war allerdings ein Sieg: 1:0, nicht verdient. Aber damals zweifelte man, dass die DFB-Elf das Zeug zum Weltmeister haben würde.
Vor vier Jahren argumentierte Löw: Im Trainingslager werde man vieles verändern können. Darauf setzt er natürlich auch 2018. „Wir waren jetzt vier Monate nicht zusammen, und ich habe bewusst einige Wechsel vorgenommen. Im Trainingslager haben wir 14 Tage am Stück, da werden wir einige Dinge einschleifen können.“
Löw glaubt, wenn man so spiele, wie man es draufhabe, wenn man die ersten 15 bis 20 Minuten anders auftrete, „können wir auch die Brasilianer laufen lassen“. Jedoch ist ihm auch klar: „Es gibt Tage, die nicht unsere sind. Das kann auch mit einer anderen Aufstellung passieren.“
Und was man noch sagt zu einem solchen Spiel. „Ein Dämpfer zur rechten Zeit“, so Julian Draxler. Oder etwas drastischer wie Toni Kroos: „Dass wir in Russland der absolute Favorit sein werden, war vorher Quatsch und ist jetzt Quatsch.“