Duale Karriere

von Redaktion

VON GÜNTER KLEIN

Die Snowboarderin, die auch im Skifahren gewinnt, oder die Skifahrerin, die den Boardern mal zeigt, wie man einen schnellen Schwung in den Schnee schneidet – das ist natürlich eine Geschichte von großer Gegensätzlichkeit. Zumindest vor dem Hintergrund, dass der eine Sport mal sehr neu und hip war und dem alten seine Leute und folglich die Marktanteile und das Geld wegnehmen wollte. In klassischen Schneeresorts wurde bisweilen herzhaft gestritten, die Skifahrer waren sauer, wenn die Snowboarder ihnen Buckel in den Hang rutschten. Mittlerweile hat man sich aneinander gewöhnt, und das jugendliche Publikum findet die neue Art des Skifahrens, das Freestylen in den Funparks, cooler als das, was man mit dem Brett veranstalten kann.

Rein technisch war es aber keine Sensation, dass die Tschechin Ester Ledecka bei den Olympischen Spielen das Entweder-Board-oder-Ski-Prinzip aufbrach. Wobei ihr Sieg auf dem Brett zu erwarten war und der im Super-G mit den langen Skiern eine Sensation darstellte. Bei der WM ein Jahr zuvor hatte sie noch drei Sekunden Anstandsabstand zur Spitze gehalten. Aber Ski und Snowboard sind alpine Geschwister. Die ranghöchsten Skilehrer, die staatlich geprüften, müssen sich auch in einer Zweitdisziplin beweisen – neben Telemark ist Snowboard eine Möglichkeit. Ester Ledecka trainierte einfach Ski und Board – abwechselnd.

Für den deutschen Sportwissenschaftler Arne Güllich aus Kaiserslautern ist sie das beste Beispiel für seine These, dass man sich im Sport nicht zu früh spezialisieren solle. Wertvoller sei eine Allroundausbildung. „Es gibt Frühspezialisierer, die Olympiasieger werden, die Mehrheit aber nicht“, sagte er im Deutschlandfunk. Seine Kritik: Gerade im deutschen Sportsystem mit seinen Eliteschulen des Sports und der Konzentration an Stützpunkten werde verlangt, dass die jungen Athleten sich festlegen. „Man sollte aber viele Potenziale aufbauen, damit steigt die Chance, dass darunter auch welche sind, die sich erfolgreich entwickeln.“ Güllich weiter: „Ein Großteil der erfolgreichen Athleten hat sich neben oder entgegen diesen Strukturen entwickelt.“ So wie Ester Ledecka, die im Snowboard einem Profiteam angehört, ihr Ski-Ding aber selbst organisiert.

Hilfreich ist es, wenn sich die beiden Sportarten ähnlich sind. Es gibt so etwas wie Verwandtschaften. Biathlon – Skilanglauf ist ein solches Pärchen. Ole-Einar Björndalen, der Dominator in der Kombination Schießstand-Loipe, gewann auch ein Weltcuprennen im Langlauf. Miriam Gössner half bereits als junge Biathletin bei der Nordischen Ski-WM in der deutschen Staffel aus. Auch umgekehrt ist der Weg begehbar. Evi Sachenbacher-Stehle war Olympiasiegerin 2002 im Langlauf und beschloss ihre Karriere 2014 als Biathletin. Mit dem Schießen musste sie sich vertraut machen.

In den Kampfsportarten ist es nicht unüblich, dass die Athleten switchen. Einige Größen des klassischen Boxens hatten zuvor eine Karriere im Kickboxen: Regina Halmich, Marco Huck, Witali Klitschko. In den vielen kleinen Weltverbänden, die beide Sportarten bereithalten, kann man sowohl Box- als Kickboxgürtel halten – kein Problem. Kämpfe sind eh nur ein paar im Jahr.

Ringer waren auch gute Gewichtheber. Wilfried Dietrich, Deutschlands berühmtester („Kran von Schifferstadt“), gewann an der Hantel regionale Meisterschaften, nach der Ringerlaufbahn wechselte er zu den Berufscatchern, wo er einmal den niederländischen Judoka Anton Geesink problemlos schulterte. Der erste Superstar des deutschen Sports war ebenfalls Allrounder: Carl Schumann kam von den Olympischen Spielen 1896 in Athen mit drei Goldmedaillen im Turnen, einer im Ringen sowie Bronze im Gewichtheben zurück. Auch in der Leichtathletik startete er.

Die Eisschnellläufer der 80er-Jahre bewiesen sich auf dem Rad. Eine Sonderstellung in der olympischen Geschichte nimmt Christa Rothenburger-Luding ein. Die Schnellkraftkönigin holte Gold auf den Eisbahnen von Sarajewo (1984/500 Meter) und Calgary (1988/1000 Meter). Ihr zweites Zuhause: das Radoval. Sie wurde 16 Mal DDR-Meisterin. Wenn das Eis abgetaut war, stieg sie aufs Rad. 1988 in Seoul wurde sie Olympiasiegerin im Sprint. Winter- und Sommer-Gold in einem Jahr – schaffte nur sie.

Eric Heiden war der Star der Winterspiele 1980 in Lake Placid, er gewann alle fünf Goldmedaillen im Eisschnelllauf – von 500 bis 10 000 Meter. Was konnte danach noch kommen? Eine weitere Karriere. Heiden wurde Radprofi, gewann die US-Meisterschaft auf der Straße. Seine Grenzen erkannte er 1986 bei der Tour de France. Er fuhr im hinteren Teil des Feldes mit – und erreichte Paris nicht. Aufgabe nach der 18. Etappe.

Für die „duale Karriere“ gibt es zwei Modelle: nebeneinander und nacheinander. Klassiker: Leichtathlet, der aufgehört hat oder stagniert, wird Anschieber im Bob. Wie Klaus Wolfermann, Speerwurf-Olympiasieger 1972. Er übernahm nach einigen Jahren als Co-Pilot sogar selbst die Lenkseile.

Susi Erdmann war die deutsche Rodel-Queen; als der Frauen-Bobsport aufkam, blieb sie im Eiskanal, wechselte in den großen Schlitten.

Zwanzig Jahre lagen zwischen den sportlichen Highlights von Othmar Schneider. Bei Olympia 1952 gewann er – Pflicht für einen Österreicher – den Riesentorlauf. 1972 holte er bei der WM der Sportschützen Bronze.

Könige des Weltsports waren die, die zwei- oder mehrgleisig fuhren. Die Russen verehren Wsewolod Bobrow, der als Fußballer zweimal Torschützenkönig der Liga war und als Eishockeyspieler das Team anführte, das 1956 beim Olympia-Debüt alle an die Wand spielte.

Eine große Geschichte schrieb Karl Schäfer, Olympiasieger 1932 und 36 im Eiskunstlauf. Zugleich war er bester Brustschwimmer Österreichs, nahm 1928 an den Sommerspielen teil. 1936 verhinderte ein Unfall seinen Start im Becken von Berlin. Schäfer gehörte zu den Fackelläufern, dabei erwischte ihn eine Windböe, verbrannte seinen nackten Oberkörper.

Norwegens Heldin war Laila Schou Nilsen. Landesmeisterin im Tennis. Weltmeisterin im Eisschnelllauf. 1936 holte sie Olympia-Bronze im Skifahren – nach drei Monate Training.

Auch Amerika hat seine Superhelden. Jim Thorpe ist einer der All-Time-Greatest. Vor hundert Jahren spielte er gleichzeitig in den höchsten Ligen im Baseball und American Football, 1912 war er Olympiasieger im Zehnkampf gewesen. Sein weibliches Pendant: Mildred „Babe“ Didrikson. Sie begann als überragende Basketballerin. Bei Olympia 1932 startete sie als Leichtathletin. Wo sie startete, gewann sie Gold: 80 Meter Hürden, Hochsprung, Speerwurf. In den 40er-Jahren sattelte sie um und wurde Amerikas beste Golferin.

Andere Zeiten, Sport war noch nicht so professionalisiert, die Szene überschaubar.

Doch auch in der Neuzeit tun sich einige interessante Karrieren auf. Sogar Fußballer spielen eine Rolle.

Hans-Peter Briegel entdeckte mit 18 als hoffnungsvoller Zehnkämpfer den Fußball; er wurde in den 80er-Jahren eine feste Größe im deutschen Nationalteam.

Ilhan Mansiz, 2002 mit der Türkei WM-Dritter, entdeckte, als das Knie weitere Kickerei versagte, das Eiskunstlaufen. Über eine Fernsehshow, bei der ein Laie und ein Profi ein Team bildeten, geriet er zum Paarlauf. Die angestrebte Olympia-2014-Qualifikation schaffte er aber nicht.

In Norwegen trug sich die erstaunliche Geschichte des Simen Agdestein zu. Er betrieb nebeneinander Fußball und – Schach! Er schoss sein erstes Länderspieltor, als er in der Schach-Weltrangliste 17. war und entdeckte das Wunderkind Magnus Carlsen – heute Weltmeister am Brett.

Paolo Maldini fing im hohen Alter, mit 49, noch was Neues an. Der Vereinsheilige des AC Mailand wurde Tennisprofi. Beim ATP-Turnier in seiner Heimatstadt schlug er im Doppel auf. 1:6, 1:6-Niederlage in der ersten Runde. Preisgeld: 173 US-Dollar.

Netter Versuch.

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