London – Ein Unglück war sein Glück, so muss man das wohl im Nachhinein sagen. Hätte es am 1. Februar 2012 im Stadion von Port Said keine Ausschreitungen gegeben, wäre die Karriere von Mohamed Salah, 25, vermutlich anders verlaufen. 74 Menschen fanden damals den Tod, die ägyptische Liga stellte daraufhin den Ligabetrieb komplett ein. Salah kickte nur noch für die U 23, die sich auf die Olympischen Spiele in London vorbereitete. Der FC Basel organisierte ein Testspiel gegen die Junioren, dabei fiel der schnelle Rechtsaußen auf, der beim 4:3 zwei Tore erzielte. Die Schweizer luden ihn zu einem einwöchigen Probetraining ein, dann verpflichteten sie den damals 19-Jährigen. Und er startete durch.
Bereits in seiner ersten Saison erreichte Basel das Halbfinale der Europa League. Der FC Chelsea war Endstation, doch den Briten blieb der junge Mann im Gedächtnis. Ein Jahr später holten sie ihn für 13 Millionen Euro. Bis heute ist es einer der größten Fehler in der Vereinsgeschichte der „Blues“, dass man Salahs Talent nicht genug förderte. Man verlieh ihn nach nur 13 Spielen an Florenz, verkaufte ihn später an den AS Rom, wo er 29 Treffer feierte. Liverpool investierte in ihn im Sommer 42 Millionen Euro.
In 42 Spielen schoss er seither 37 Tore, nie zuvor in der Geschichte der „Reds“ hatte ein Profi schneller 20 Saisontreffer auf seinem Konto, er brauchte nur 25 Partien dafür. Am Wochenende war der
2:1-Siegtreffer gegen Crystal Palace Chefsache – sein 29. Premier League-Tor. Jürgen Klopp sprach von einem „dirty victory“, aber schmutzige Siege, so der Coach, seien ja oft die schönsten. Und Salah kann also auch dreckig.
Vergangene Woche schrieb der „Mirror“, sein Vertrag werde bis 2022 verlängert – bei einem Wochensalär von 230 000 Euro. Mit rund zwölf Millionen Verdienst im Jahr steigt er in die Top Ten der Bestverdiener der Premier League auf. Die Fans feiern ihn als „King of the Kop“, Held der Kurve heißt das.
Salah sagt, die „Reds“ waren schon in der Kindheit sein Verein. Als er in den Straßen von Nasr City, einem Stadtteil von Kairo, kickte, kopierte er Ronaldo, Zinedine Zidane und Francesco Totti, „Spieler, die mit Magie gespielt haben“, wie er erzählt, „aber der Klub, auf den ich geschaut habe, war Liverpool“.
In Kairos Straßen kickte und träumte er
Salah arbeitete hart für seinen Traum, Karriere zu machen. Um täglich trainieren zu können, bekam er von seinem ersten Klub al-Mokawloon al-Arab SC einen Brief in die Schule mit: „Mo soll bitte jeden Tag den Unterricht so verlassen, dass er um 14 Uhr auf dem Platz stehen kann.“ Um sieben Uhr stand er auf, nahm nach nur zwei Stunden Unterricht von der Schule aus den Bus, trainierte bis zum Abend und war dann gegen 22.30 Uhr zuhause. „Essen, schlafen, und am nächsten Tag das gleiche Programm“, erinnert er sich. Fünf Tage die Woche, vier Jahre lang. „Ich wollte ein großer Name werden, ein großer Fußballer“, sagt er. „Hätte es nicht geklappt, bin ich mir sicher, hätte ich ein schweres Leben vor mir gehabt.“
Bereits mit 15 debütierte er in Ägyptens Erster Liga – bis heute ist er der Jüngste, der ganz oben ankam. Bis zur Tragödie von Port Said feierte der Spektakelspieler in seinen ersten 15 Einsätzen sieben Tore und drei Assists. Beim FC Basel verglichen sie ihn später bereits mit Usain Bolt, wegen seines Tempos. Er selbst schätzte sich realistischer ein und meinte, ihm hapere es noch an der Geschwindigkeit im Kopf: „Oft handle ich intuitiv, statt das Spiel zu lesen. Ich muss Situationen besser einschätzen.“ Damals schaute er noch zu einem Mann wie Xherdan Shaqiri hoch, der gerade von Basel nach München umgezogen war. Auf die Frage, dass er dessen Erbe als Publikumsliebling angetreten habe, antwortete er: „Ich möchte mich nicht mit ihm vergleichen. Er ist nicht umsonst beim FC Bayern unter Vertrag.“ Shaqiri fiel durch, Salah ist ihm längst enteilt.
Auch in der Nationalelf hat er inzwischen Geschichte geschrieben. In der vorentscheidenden Partie der WM-Qualifikation vor einigen Wochen gegen die Republik Kongo verwandelte Salah in der fünften Minute der Nachspielzeit einen Strafstoß zum 2:1-Sieg. Ägypten ist das erste Mal seit 28 Jahren wieder bei einer WM dabei.
Das Glück ist in den nordafrikanischen Staat zurückgekehrt. Auch dank Mohamed Salah, dem King of the Kop.