Der sanfte Herrscher verlässt sein Reich

von Redaktion

Die 44-jährige Biathlon-Legende Ole Einar Björndalen gibt unter Tränen das Ende seiner einmaligen Karriere bekannt

VON ARMIN GIBIS

München – Seine letzten Olympischen Spiele hatte der größte Biathlet der Sportgeschichte in untergeordnete Rolle erlebt. Ole Einar Björndalen war im Zielraum des Stadions von Pyeongchang nur noch als emsiger Betreuer zu sehen. Und zwar für das weißrussische Team. Die Hilfsdienste leistete er vor allem seiner Frau. Darja Domratschewa. Die Zwei haben 2016 geheiratet und eine Tochter, die eineinhalb Jahre alte Xenia.

Klar, der schon zu aktiver Zeit legendäre Björndalen, der die Qualifikation für das norwegische Olympiateam verpasst hatte, wollte im Februar seiner Darja beistehen. Ein Einsatz, der mit überraschendem Staffel-Gold belohnt wurde. Doch die Vermutung lag nahe, dass es Björndalen auch nach Südkorea zog, weil er immer noch nicht ganz lassen konnte von seiner großen sportlichen Leidenschaft, dem Biathlon. Vor 25 Jahren bestritt der Mann aus Drammen seinen ersten Weltcup – sage und schreibe 580 Rennen später erklärte der 44-Jährige gestern bei einer Pressekonferenz in Simostranda: „Dies ist meine letzte Saison.“ Nicht nur bei diesem Satz stiegen ihm die Tränen in die Augen.

Der Abschied von seiner Karriere als einzigartig erfolgreicher Skijäger fiel ihm schwer. „Die Motivation ist ungebrochen“, sagte er. Und seine leise Björndalen-Stimme klang dabei noch leiser als sonst. „Ich hätte noch gerne einige Jahre weitergemacht.“ Aber letztlich entschied mehr sein Körper als er, der scheinbar ewig rastlose Sportler. Im Sommer hatte Björndalen Herzrhythmusstörungen. Mitten in der Nacht wachte er auf und merkte, wie sein Herz aus dem Takt geraten war. Zwar stufte der die Beschwerden als „nicht gefährlich“ ein, aber die Ärzte und seine Frau rieten ihm trotzdem, es mit dem Leistungssport gut sein zu lassen.

Dabei hat der achtfache Olympiasieger ja in seiner Karriere schon alles zig-mal gewonnen und jeden Rekord mehrfach gebrochen. Schon 2005 bei der WM in Hochfilzen, als Björndalen vier Goldplaketten abräumte, handelte er sich den Spitznamen „der Kannibale“ ein – in Anspielung auf seinen unersättlichen Erfolgshunger. Am ausgeprägtesten hatte sich dieser schon 2002 bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City offenbart. Damals startete Björndalen sogar im Langlauf – um als erster Biathlet auch in dieser Disziplin eine Medaille zu holen.

Der Versuch scheiterte. Auch wegen der besonderen Umstände. Denn im 30-km-Rennen legte der – wie sich später herausstellte – hochgedopte Johann Mühlegg ein irrwitziges Tempo vor, das fast alle Mitfavoriten frühzeitig restlos zermürbte. Björndalen war einer der wenigen, der lange Zeit wenigstens noch einigermaßen mithalten konnte, am Ende wurde er immerhin Fünfter. Aus der Niederlage schöpfte Björndalen jedoch zusätzlich Kraft – und gewann die vier darauffolgenden Biathlon-Rennen.

Der sagenhaft erfolgreiche Skijäger galt als Inbegriff des Perfektionisten, der an jedem Schräubchen drehte, auf ständige Innovationen im Training setzte, sich bei seiner Ernährung an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierte und sogar einen Spezialstaubsauger bei sich hatte, um die Teppichböden der Hotelzimmer zu reinigen. Auf diese Weise versuchte er, sich vor Keimen und Viren zu schützen. Schließlich zog er auf seiner Weltcup-Tour in ein Wohnmobil um.

Über zwei Jahrzehnte dominierte Björndalen seine Sparte. Doch so erfolgreich der Kannibale auch sein mochte, als selbstsüchtiger Ehrgeizling präsentierte er sich nie. Im Gegenteil. Björndalen war stets ein sanfter, freundlicher Herrscher im Reich der Biathleten. Er hatte Rivalen, aber sicher keine Feinde. Und es zweifelte auch kaum jemand daran, wenn er beteuerte, ihn treibe in erster Linie die Freude am Sport an – und nicht die Sucht, alles gewinnen zu müssen.

Nun, vielleicht ist es auch so, dass das eine das andere nicht ganz ausschließt. Sogar mit 40 Jahren – im Leistungssport ein fast schon biblisches Alter – eroberte Björndalen 2014 in Sotschi noch zweimal olympisches Gold. 2017 bei der WM in Hochfilzen holte er – als erster 43-Jähriger der Biathlon-Geschichte – eine WM-Medaille (Bronze im Sprint). Am gleichen Tag lief seine Frau Darja nach langer Wettkampfpause zu Silber. Gestern sagte Björndalen: „Ich hatte eine völlig verrückte Karriere – und habe alles erlebt, wovon man träumen kann.“ Das sollte – selbst für einen Björndalen – Trost genug sein.

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