München – Die Herren Stewart und Jackson überraschten. Mit Heiterkeit, mit freundlichen Mienen, mit ihrem vertrauten Umgang miteinander. Zwei Eishockey-Buddies aus Nordamerika, die sich in Deutschland über den Weg laufen.
Sie tun das als Rivalen. Bill Stewart trainiert die Adler Mannheim, Don Jackson den EHC München. Klubs, die sich spinnefeind geworden sind in den vergangenen Tagen. Mit Beginn der Halbfinalserie in den Playoffs, in denen die Münchner nach dem 2:1 im dritten Spiel, erzielt in der zweiten Verlängerung, mit 2:1 Siegen in Führung gegangen sind.
„Es braucht zwei große Teams für solch ein Spiel“, meinte Stewart, „wir glauben weiter an uns. Danke und schönen Abend“. Dann noch ein paar Scherze mit Jackson, den er „Donnie“ nennt. Jackson lächelte gütig und erklärte, was die besondere Herausforderung sei, wenn vor den Toren ein Verkehr herrscht wie am Mittleren Ring zur Stoßzeit: „Man muss überhaupt mal eine Schussbahn finden.“ Wie in der 86. Minute Mads Christensen nach Vorarbeit von Frank Mauer. Christensen hatte passenderweise Geburtstag. „Ich mag solche intensiven Spiele.“
Intensiv ist diese Serie wirklich. Nicht nur durch ihre unbestrittene Klasse, die München und Mannheim auf dem Eis zeigen. Noch prägender ist die Atmosphäre, in der diese Begegnungen stattfinden. Auch wenn Mads Christensen die Affäre Pinizzotto und was sich daraus entwickelte, weit wegschiebt: „Das liegt hinter uns. Das ist etwas für die Fans und die Medien.“
So einfach ist es jedoch nicht. Für Matthias Plachta, der vier Tage, nachdem Pinizzotto ihn mit einem Check gegen den Kopf (von der Liga mit fünf Spielen Sperre plus einer Geldstrafe geahndet) für Minuten und einen ärztlichen Einsatz aufs Eis geschickt hatte, wieder spielte, war der Abend ein einziges Spießrutenlaufen. Münchner Fans gifteten ihn schon an, als er sich beim Fußball mit seinen Teamkollegen aufwärmte, bei jeder Aktion auf dem Eis begleiteten ihn Pfiffe, eine Strafzeit gegen ihn wurde gefeiert (und von Stadionsprecher Stefan Schneider zelebriert wie ein kirchliches Hochamt). Gefeiert wurde der gesperrte Pinizzotto – als wäre er ein Justizopfer und ein Kämpfer für höhere Werte.
Auch EHC-Trainer Don Jackson scheint mit der Pinizzotto-Geschichte noch sehr beschäftigt zu sein. Am Donnerstag hatte er nach Sichtung ersten Videomaterials von einem sauberen Check, einem „clean hit“, gesprochen – was nicht mehr haltbar war, nachdem erhellende Kamera-Perspektiven publik wurden, die die DEL-Disziplinarkommission als Grundlage für ihren Urteilsspruch nahm. Jackson bekam viel Medienkritik und den üblichen Shitstorm ab. Revidiert hat er seine Meinung jedoch nicht, wie er am Montagabend zu erkennen gab. Nun ist er es, der die Mannheimer Seite des unsauberen Spiels anklagt. Er habe seitens der Adler einige „bad hits“ gesehen, dazu zähle vor allem die Aktion von David Wolf gegen seinen Namensvetter Michael Wolf, der mindestens einige Flecken davongetragen habe. Und nun der Seitenhieb Richtung Plachta: „Wenigstens hat sich Michael Wolf nicht hingelegt.“ In Sachen David Wolf und Marcus Kink (der für einen Check gegen den Kopf mit zwei plus zehn Minuten bestraft wurde) will Jackson mit der Liga reden. Einen Tag nach dem ersten Spiel hatten die Mannheimer Pinizzotto bei der DEL angezeigt. Folgt nun von Münchner Seite das „Wie du mir, so ich dir“?
An einer Deeskalation besteht kein Interesse. Unsere Zeitung bat den EHC München um Stellungnahme: „Wie bewertet der EHC die Anschuldigungen seiner Fans in Richtung Matthias Plachta („Schauspieler“)? Gibt es einen Plan, für den weiteren Verlauf der Serie auf die Fans deeskalierend einzuwirken? Wie bewertet der EHC München den Auftritt seines Stadionsprechers beim Ansagen gegnerischer Strafen?“ Die Antwort des EHC Red Bull München GmbH lautete: „Zu den Fragen werden wir uns nicht äußern.“ Offensichtlich beansprucht auch der EHC für sich die Rolle des Angegriffenen: Über die sozialen Medien gingen Todesdrohungen gegen Steve Pinizzotto ein. Auch das natürlich: inakzeptabel. Und eher eine Shownummer: eine bei der Staatsanwaltschaft München I eingegangene Anzeige eines Dritten gegen Pinizzotto wegen Körperverletzung.
Marc Hindelang, Vizepräsident des Deutschen Eishockey-Bundes, fürchtet, dass aus dieser Halbfinalserie nichts Gutes resultieren wird: „Man kann nur an die Vernunft aller appellieren, die positive Stimmung pro Eishockey in Deutschland nicht zu beschädigen.“