München – Die Pfiffe stachelten Michael van Gerwen nur an. Er, der beste Dartspieler des Planeten, liebt es, wenn sich die Fans mit seinem Rivalen auf der Bühne verschwören. Es bringt das Außergewöhnliche in ihm hervor. Er fletscht dann die Zähne, verformt Augen und Mund zu einem teuflischen Grinsen. In diesen Momenten empfindet er mehr als sonst die persönliche Herausforderung, mit jedem Pfeil, den er auf die Scheibe zirkelt, zu beweisen, dass er nicht zu bezwingen ist.
Am späten Montagabend hatten sich auch im Münchner Zenith die meisten Fans gegen van Gerwen vereinigt. Mehr als 18 000 waren zwischen Samstag und Montag in die Halle am Stadtrand gepilgert, um bei der Premierenausgabe des German Darts Grand Prix in München, die zur PDC European Tour gehört, mitzufeiern.
Diejenigen, die ein Ticket für das Finale ergattert hatten (mehr als 8000), hielten es allerdings fast ausschließlich mit Peter Wright, dem schrillen Schotten mit dem bunten Irokesenschnitt. Wann immer sie ihren Liebling aber besonders laut unterstützten, warf van Gerwen drei ziemlich perfekte Pfeile. Die Fans weckten seinen Killerinstinkt. Es genügte jedoch, diesen nur hin und wieder aufblitzen zu lassen, um das Finale gegen Wright mit 8:5 für sich zu entscheiden. Danach musste sogar Wright, hinter dem Niederländer die Nummer zwei der Weltrangliste, gestehen, dass man „gegen Michael eben einen ganz speziellen Moment haben muss, um zu gewinnen“.
Der Pfeilekünstler van Gerwen, 28, ist die Hauptattraktion des einflussreichen PDC-Verbandes, der mit seinen Starts gerade wie ein Zirkus durch Europa reist. In Deutschland macht die PDC besonders gerne Station. Vor anderthalb Wochen stoppte die Tour in Leverkusen, in zwei Wochen hält sie in Saarbrücken. In München war einmal mehr zu beobachten, dass das Produkt hervorragend ankommt.
Nun darf man den Erfolg der PDC aber nicht mit einem nachhaltigen Aufstieg des Sports verwechseln. Der Deutsche Dart Verband (DDV) hat in den vergangenen Jahren mehr Mitglieder verloren als dazugewonnen. Die PDC hat jedoch einen Weg gefunden, um ihre Wettbewerbe geschickt zu vermarkten. Sie veranstaltet ihre Dart-Turniere wie Volksfeste, die Gaudi steht im Mittelpunkt. Die Fans setzen sich um Biertische zusammen, sie trinken und singen. Was auf der Bühne vor sich geht, scheint manchmal sogar egal.
Natürlich sind es letztlich die extravaganten Profis, die die Fans anlocken. Weil die PDC große Geldsummen ausschüttet – alleine in München waren es rund 150 000 Euro –, reisen die weltbesten Spieler zu ihren Turnieren. Der Verband schirmt sie dort ab. Wer verliert, muss kein Interview geben. Auf der Bühne führt der deutsche Dart-Experte Elmar Paulke im Auftrag der PDC kleine Gespräche mit den Spielern, kritische Fragen müssen sie nicht fürchten. Die PDC ist eine Profiliga, stets darauf bedacht, ihr Produkt mit schönen Bildern zu vermarkten.
Michael van Gerwen profitiert von diesem Konstrukt. Fast zwei Millionen Euro hat er in den vergangenen zwei Jahren nur mit Preisgeldern verdient. Der Turniersieg im Zenith war bereits sein achter in diesem Jahr. Wenn er am Limit spielt, scheint er kaum zu schlagen. In München reichte ihm sogar ein durchschnittlicher Auftritt. „Das war noch nicht meine beste Vorstellung“, gestand er, fügte aber drohend an: „Ich komme langsam in Form.“