Mit quietschenden Reifen

von Redaktion

Ribery kurvt durch Sevillas Reihen, Boateng wie ein Turm voller Gold, Lewandowski buchstäblich auf verlorenem Posten

von andreas Werner

Sevilla – Die Zeitung „Deportes“ hatte ihre Leser gestern mit einer leicht demütigen Titelzeile in den Tag geschickt: „Cita con las estrellas“, Rendezvous mit den Stars, stand unter einem Foto des FC Bayern, auf dem Thomas Müller frech winkte. Im Innenteil waren dann aber die Spieler Sven Ulreich (Ulrich), Jerome Boateng (Boatenang) und Niklas Süle (Sülle) falsch geschrieben. Welche Stars funkelten, welche stürzten ab? Die Einzelkritik.

Sven Ulreich: In Spielen wie gestern zeigt sich, inwieweit die Nummer zwei tatsächlich eine verlässliche Vertretung für Manuel Neuer ist. Ulreich war beim 0:1 machtlos und stand auf seinem Posten. Ansonsten solide und in der Schlussphase mit starker Parade gegen Sandro. Note 2

Joshua Kimmich: Bekam bereits nach wenigen Minuten eine neuerliche taktische Anweisung durch die Herren Jupp Heynckes und Arturo Vidal, fand aber dennoch nicht zu seiner normalen Form. Unverdrossen nach vorne unterwegs, aber unpräzise im Abspiel und hinten auffallend oft im Hintertreffen. Eines seiner schwächeren Spiele. Note 4

Jerome Boateng: Hatte eine für ihn ungewöhnlich hohe Fehlerquote bei seinen Diagonalbällen, stand dafür aber oft hinten als Retter in letzter Not richtig. In Sevilla gibt es den „Torre del Oro“, in dem Turm wurde früher das per Schiff gebrachte Gold der Inkas und Azteken verwaltet. In Schlachten wie gestern ist Boateng auch ein „Torre del Oro“. Note 2

Mats Hummels: Verbrachte wie Boateng einen ungemütlichen Abend, stand aber seinen Mann. Auch er brachte die Spanier oft im letzten Moment noch aus der Bahn. In die Offensive brachte er sich aber schon besser ein als gestern Abend. Note 3

Juan Bernat: Fand sich wegen Rückenproblemen von David Alaba unvermutet in der Startelf wieder. Der Spanier möchte die Bayern verlassen und hatte gestern Abend eine verlockende Option, sich in seiner Heimat in Erinnerungen zu bringen. Potenzielle Abnehmer schreckte er aber ab, indem er Pablo Sarabia beim 0:1 gewähren ließ und sich nur eine Minute später eine Frust-Gelbe-Karte abholte. Blieb zur Pause draußen. Gut so. Note 5

Javi Martinez: Will sich in den nächsten Wochen noch für einen Platz im spanischen WM-Kader empfehlen – da kommen Gastspiele in der Heimat Recht. Vor dem 0:1 griff er zu zögerlich gegen Flankengeber Sergio Escudero an. In der zweiten Hälfte hätte das zweite Münchner Tor machen müssen. Verrichtete im Verlauf starken Dienst als Abräumer – eventuell sogar WM-reif. Note 3

Arturo Vidal: Kehrte zurück in die Startelf und keuchte gleich zu Beginn bei einem Tempogegenstoß merklich beim Versuch, Sevilla das Tempo zu nehmen. Deutete bereits nach wenigen Minuten eine Verletzung an. Eigentlich sollte das Energiebündel Sevilla Energie absaugen, doch die meiste Kraft brachte Vidal auf, als er nach dem 0:1 dem Schiedsrichter hämisch applaudierte, er hatte ein Handspiel gesehen. Nach einer guten halben Stunde machte er James Platz. Nichts ging mehr, aber es war von Beginn an nicht viel gegangen. Note 5

Thomas Müller: Vor der Partie wurde über den Streichkandidaten in Bayerns Offensive spekuliert, doch der Name Müller wird da nur noch aus Chronistenpflicht geführt. Arjen Robben traf es, der Kapitän besetzte dessen rechte Seite, fremdelte dort aber. Das Zusammenspiel mit Kimmich passte nicht, er beschwor zu selten Torszenen herauf. Note 3

Thiago: Erzielte das 2:1 per Kopf – und rechtfertigte damit seine Aufstellung, ohne richtig geglänzt zu haben. Note 2

Franck Ribery: Brachte die Menge mit einem Schubser und Trikotzupfer gegen Wissam Ben Yedder gleich zu Beginn gegen sich auf, auch eine Rote Karte wäre vertretbar gewesen. In Sevillas Straßen ist derzeit das Phänomen, das der Asphalt unter den Reifen quietscht – nach der Semana Santa ist alles noch vom Kerzenwachs überzogen. Der Franzose kurvte gestern auch mit quietschenden Reifen herum, 1:1 gelang ihm mit gütiger Mithilfe von Jesus Navas. Es wäre sein erster Treffer in der Champions League seit drei Jahren gewesen, wurde aber als Eigentor gewertet. Bereitete das 2:1 vor. Stärkster Bayer. Note 2

Robert Lewandowski: Solche Partien sind undankbar für einen Mittelstürmer. Die Bayern befreiten sich selten und setzten ihre Spitze kaum in Szene. Hatte er den Ball, hatte er kaum solange, um die erste Silbe von „Guadalquivir“, dem Fluss in Sevilla, auszusprechen. Lewandowski stand buchstäblich auf verlorenem Posten. Note 4

James: Lief sich bereits ab der fünften Minute warm und durfte früh Vidal ersetzen. Allein sein Steilpass zu Riberys 1:1-Ausgleich rechtfertigte seinen Einsatz. Note 3

Rafinha: Kam zur Pause für den völlig indisponierten Bernat und brachte sich als frecher Balldieb ein. Stabilisierte die Abwehr. Note 3

Arjen Robben: Kam in der Schlussphase, aber zu spät für eine Bewertung. Ohne Note

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