Die beiden Trainingskiebitze fielen auf den ersten Blick absolut nicht auf. Zwei gut gekleidete Herren auf der obersten Stufe der Tribüne in der Aspire Zone von Doha, die durch dicke Sonnenbrillen auf das Training blickten. Die einzigen Auffälligkeiten: Jeweils ein Block auf dem Schoß und ein Stift in der Hand. Und das nicht für die Jagd auf Autogramme.
Es lohnt sich, die Anekdote von Niko und Robert Kovac als Besucher des Bayern-Trainingslagers 2015 genauer zu betrachten – wo das Engagement der Brüder als künftiger Chef- bzw. Co-Trainer seit Freitag offiziell feststeht. Denn es steckt deutlich mehr in ihr als die Dokumentation des guten Verhältnisses, das der FC Bayern zu den meisten seiner ehemaligen Spieler unterhält. Stallgeruch ist freilich ein gutes Argument für eine Anstellung in München, wichtiger aber sind Kompetenzen im fachlichen wie sozialen Bereich. Sympathisch, wissbegierig – von beidem konnte man sich unter Katars Sonne überzeugen.
Natürlich kommt Niko Kovac nach den Absagen von Jupp Heynckes und Thomas Tuchel erst mal als 1c-Lösung daher, und natürlich birgt die Verpflichtung des derzeitigen Frankfurters ein gewisses Risiko. Und trotzdem sollte man sich in der Bewertung nicht irreführen lassen von den bisher gewonnenen Titeln des 46-Jährigen (null) und der Erfahrung im internationalen Klub-Geschäft (null). Auf dem Weg, für den sich die Bayern mit dem Einstellungskriterium „deutschsprachig“ entschieden haben, war Kovac von vornherein die logischste Lösung. Die, die am meisten zu bieten hat: Einen Mann, der noch nicht allzu viele, aber die unterschiedlichsten Stationen der Branche durchlaufen hat. Einen, der den Klub kennt, und vor allem: lernen kann und will.
Es gibt seit Jahren nicht wenige, die den „bavarian way“ als Antwort auf den Millionen-Irrsinn im internationalen Fußball kritisch beäugen. Naiv, nicht zeitgemäß, zu viel „Mia san mia“, heißt es da gerne. Dass große Lösungen nicht immer die erfolgreichen sind, hat aber allein das gescheiterte Experiment mit Carlo Ancelotti bewiesen. Kovac ist die Antwort auf den Italiener, der von nichts anderem leben wollte als seinem guten Ruf. Er wird Fehler machen, er muss nun an die Hand genommen werden. Das Potenzial aber hat er – genau wie dieser Klub das Potenzial hat, Trainer groß zu machen. Auch Jupp Heynckes kam ja einst als Mittvierziger nach München. Ohne Doha-Erfahrung zwar, aber mit Zettel, Stift und Engagement. Eine gute Basis.