München – Sie haben ihn an der Säbener Straße schon lange beobachtet, wie er als Trainer so wirkt. Als Niko Kovac im Oktober 2013 über Nacht vom Coach der kroatischen U 21 zum Chef der A-Nationalelf befördert wurde, hat man das sehr wohl registriert. Der könnte ja mal einer werden, aus seiner aktiven Zeit hatte man ihn als guten Typen in Erinnerung. Die Bosse notierten im Hinterkopf, wie er Kroatien über die Relegation zur WM nach Brasilien führte und dort im Eröffnungsspiel gegen den Gastgeber wohl nur wegen eines dubiosen Elfmeters um eine Sensation gebracht wurde. Nach zwei Niederlagen und einem 4:0 über Kamerun reiste Kroatien ab. Kovac hatte dennoch eine gute Visitenkarte abgegeben.
Ab 1. Juli wird der 46-Jährige beim FC Bayern das Erbe von Jupp Heynckes antreten – und von Vorbehalten gegenüber dem Neuen wollen die Bosse naturgemäß nichts wissen. Keine Erfahrung? Na, wie viele Champions League-Halbfinals habe denn der allerorten hochgelobte Thomas Tuchel im Kreuz, schnauben sie dann. Und wer bei Kroatien mit Kalibern wie Luka Modric oder Mario Mandzukic, nachweislich keine leichten Charaktere, saubere Arbeit leistet, hat die Feuertaufe längst überstanden. Den Umgang mit Stars, so die Überzeugung hinter den Kulissen, kann man lernen. Zumal Kovac die Rückendeckung der Spitze genießen wird.
Der Verein stellt das Personal, mit dem ein Coach zu arbeiten hat
Es ist erheiternd, die Archive nach Kovac zu durchforsten; viele Dokumente belegen seine Verbundenheit zum FC Bayern: Anfang der 00er Jahre kickte er in München etwa mit dem heutigen Sportchef Hasan Salihamidzic, der die Verhandlungen in Eigenregie bewerkstelligte. Beide tragen auf den Fotos die Haare jugendlich hochgestylt, praktisch kurz geschnitten, Arbeiter-Look, und zeitgleich flott. Sie erinnern sich gerne an den jungen Kovac, heißt es heute, er habe immer Durchblick gehabt und sei strebsam, seriös und diszipliniert gewesen – Attribute, die er sich als Trainer bewahrt hat, wie sie bei den Recherchen erfuhren.
Als Kroatiens Trainer sorgte er für eine neue Arbeitsauffassung; bei seinen Landsleuten ist es normal, dass die Familien stets dabei sind, man trinkt Kaffee und geht dann irgendwann mal trainieren. Kovac, in Deutschland aufgewachsen, setzte dem Tugenden seiner Wahlheimat entgegen. Auch bei der Multikulti-Truppe von Eintracht Frankfurt, die er aus den Tiefen der Tabelle bis auf Schlagdistanz zur Champions League gelotst hat, ist sein Führungsstil nach dem Geschmack der Münchner: Ehrlich, hart, fair. Und trainiert, so hört man, wird auch nicht gerade wenig.
Kovac, der einen Dreijahresvertrag unterschrieb, hat Biss, er ist hungrig und keine abgetakelte Lösung aus dem Ausland, die nur darauf wartet, dass am Monatsende das Geld kommt. Er bringt auch keine sieben Mitarbeiter mit, sondern nur seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Robert als Assistenten. Auch aus diesen Gründen überweisen die Bayern die 2,2 Millionen Euro an Frankfurt, die laut einer Klausel fällig werden, wenn ein Klub aus der Champions League anklopft. Was er bei der Eintracht geleistet hat, hat in München Respekt hervorgerufen: Mit im Vergleich wenig Kapital so viel Erfolg – das ist interessant. Heynckes sieht da sogar Parallelen zu ihm, als er 1987 das erste Mal nach München kam. Auch er hatte damals keine internationale Erfahrung und nur zwei verlorene Endspiele in seiner Vita stehen, so der 72-Jährige: Warum also schon jetzt den Stab über dem jungen Nachfolger brechen? Eine Fußnote sei hier erlaubt: Heynckes benötigte zwei Jahre für seine erste Meisterschaft mit den Bayern, und es sollte bis zum nächsten Jahrtausend dauern, ehe er sich im Spätwerk zum Allesgewinner mauserte.
In München ist es aber nun einmal so, dass sie gerne im Archiv blättern, und das nicht nur wegen der erheiternden Motive. Man vertraut häufig auf Bewährtes, doch Kovac hat zumindest eine Prise von Experiment. Der Glückszustand Heynckes sei vorbei, heißt es hinter den Kulissen, nun habe man etwas Neues probieren müssen. Das Risiko wird durch den Stallgeruch – ein äußerst beliebtes Schlagwort beim Rekordmeister – gemindert. „Man muss Niko den Verein nicht erklären, er kennt hier alle“, sagte Salihamidzic. Die Mixtur aus Altem und Neuem – sie entspricht voll dem Beuteschema des FC Bayern. Unter Kovac ist gewährleistet, dass die Wege kurz und transparent bleiben. Dennoch ist die Klubhistorie eine Schatztruhe mit Katzengold. Die Experimente Sören Lerby und Jürgen Klinsmann scheiterten etwa kolossal.
Mit der Verpflichtung des 46-Jährigen verknüpfen die Bayern zudem eine Grundsatzentscheidung. Die Trainer, die heutzutage mit eigenem Tross umherziehen, werden in München nur schwer Station machen. Das Prinzip an der Isar lautet: Der Verein stellt die Belegschaft, und der Trainer arbeitet mit dem, was ihm vorgesetzt wird, von den Physios über die medizinische Abteilung bis hin zum kickenden Personal. Auch in die modernen Taktikdebatten verstrickt man sich weiter ungern, es gibt dazu ganz aktuell eine neue Vokabel hinter den Kulissen: „Tedesco-Zeug“, in Anlehnung an die Vertreter der jungen Generation um den gleichnamigen Schalker Chefcoach. Heynckes, so lautet die Meinung, habe wieder einmal gezeigt, worauf es im Kern ankommt: Die Spieler gut behandeln, die Besten auf die bestmöglichen Positionen stellen – und dann einfach spielen lassen. Das ist das „Mia san mia“, in Perfektion.
Von den Kovac-Brüdern wird nichts anderes erwartet, als das umzusetzen. „Das ist die DNA des FC Bayern, und die kennt Niko sehr gut“, sagte Salihamidzic. Das passende Zitat zum Experiment aus dem gut bestückten Bayern-Archiv findet sich umgehend: Schaun mer mal.