„Ich bin jetzt Mutter und Unternehmerin“

von Redaktion

Ex-Eisschnelllauf-Star Anni Friesinger über die Krise ihrer Sportart – Als Nothelferin steht sie nicht zur Verfügung

München – Anni Friesinger -Postma zählte einst zu den Stars des deutschen Wintersports. Als Eisschnellläuferin gewann sie drei olympische Goldmedaillen und 16 WM-Titel, zudem bescherte die Inzellerin ihrer Randsportart in der Rolle der streitbaren Eis-Diva erhöhte Aufmerksamkeit. Die inzwischen 41-Jährige, die in Salzburg lebt und mit dem niederländischen Eisschnelllauf-Olympiasieger Ids Postma verheiratet ist, verkörperte Erfolg und Glamour – also genau jene Faktoren, die dem deutschen Eisschnelllauf komplett abhanden gekommen sind. Die Sparte befindet sich in der wohl tiefsten Krise ihrer Geschichte. Bundestrainer Jan van Veen trat nach den medaillenlosen Olympischen Winterspielen in Pyeongchang zurück, ebenso Sportdirektor Robert Bartko, Nachfolger konnten bislang nicht gefunden werden, hoffnungsvolle Nachwuchsläufer sind derzeit nicht in Sicht. Unsere Zeitung unterhielt sich mit Anni Friesinger-Postma über den Niedergang ihrer Sportart, ihr Leben nach dem Spitzensport und die Talente ihrer Töchter.

-Anni Friesinger, die deutschen Sportfans haben Sie noch als Eisschnelllauf-Star in bester Erinnerung, inzwischen verfolgen Sie andere Ambitionen, haben zwei Kinderboutiquen in Salzburg und Holland, sind Unternehmerin. Wie läuft es denn?

Ich habe eine Menge zu tun. Kindermoden ist ein unglaublich harter Markt, Wahnsinn, da wird auch mit unfairen Mitteln gekämpft – noch schlimmer als im Sport.

-Und dann gilt es ja auch die Fernbeziehung mit Ihrem Ehemann Ids Postma mit Leben zu erfüllen. Sie pendeln regelmäßig zwischen Salzburg und Holland, wo Ihr Ehemann einen großen landwirtschaftlichen Betrieb mit 650 Kühen hat …

Inzwischen ist es so, dass Ids öfter nach Salzburg kommt. Seit Josephine, unsere älteste Tochter, eingeschult worden ist, geht es nicht anders.

„Die Durststrecke im Eisschnelllauf hält immer noch an“

-Früher sind Sie mit einer Privatmaschine nach Holland geflogen. Damit haben Sie aber schon vor einiger Zeit aufgehört …

Ja, ich fliege nicht mehr. Zuerst ist ein guter Freund und Fluglehrer abgestürzt. Dann der Freund, der ihn aus dem Flieger gezogen und gerettet hat. Beide waren erfahrene Piloten. Da macht man sich seine Gedanken. Das Risiko ist mir zu groß, ich will mein Glück nicht auf die Probe stellen.

-Dem Sport sind Sie zumindest als TV-Kommentatorin treu geblieben. Zuletzt waren Sie während der Winterspiele in Pyeongchang für Eurosport im Einsatz. Wie bitter war es denn für Sie, das enttäuschende Abschneiden der deutschen Eisschnellläufer als Reporterin verfolgen zu müssen?

Mir tat es weh, dass ich immer nur für die anderen jubeln durfte. Dabei waren Medaillen drin. Im Vorfeld wurden ja gute Leistungen angeboten. Deswegen war es auch nicht utopisch zu sagen: Wir rechnen hier mit zwei Medaillen – oder gar drei, wenn es super läuft. Aber die Winterspiele haben ihre eigenen Regeln. Da gibt es sogar Leute, die zuvor alles gewonnen haben und dann am Druck zerbrechen. Und andere haben dagegen den Lauf ihres Lebens. Es war natürlich schade, dass wir ohne Medaillen heimfahren mussten.

-Nach Sotschi 2014 sind die deutschen Eisschnellläufer nun schon zum zweiten Mal bei Olympia leer ausgegangen. Was läuft falsch?

Es wurde verschlafen, dass man wie die Niederländer, Amerikaner oder Südkoreaner multidisziplinär denkt. Dass man also auf Inline-Skater, Shorttracker oder Eishockeyspieler offen zugeht und versucht, sie fürs Eisschnelllaufen zu begeistern und sie mit ins Boot zu holen.

-Es kamen zuletzt ja auch kaum junge, international konkurrenzfähige Eisschnellläufer nach.

Wenn man deutsche Meisterschaften anschaut, dann muss man sagen: Das sind viel zu wenig. Da sollte man die Großen mit den Junioren mischen.

-War es ein Fehler, mit Robert Bartko einen früheren Profi-Radfahrer als Sportdirektor zu installieren?

Robert Bartko hat schon einen frischen Wind reingebracht. Aber Eisschnelllaufen ist eine so wahnsinnig technische Sportart – da ist es immer besser, wenn man jemanden hat, der vom Eisschnelllaufen kommt, der das technische Knowhow hat und den Trainingsaufbau kennt.

-Die aktuelle Situation ist jedenfalls katastrophal. Der deutsche Verband hat derzeit keinen Sportdirektor, keinen Bundestrainer, kein Geld. Man steht vor einem Scherbenhaufen. Wie sehen Sie die Situation?

Ich finde es wirklich schade. Ich hatte gehofft, dass der deutsche Eisschnelllauf aus seinem Tal heraus ist. Doch die Durststrecke hält immer noch an. Ein Hoffnungsschimmer ist, dass bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Salt Lake City viele deutsche Nachwuchs-Rekorde gelaufen worden sind. Vielleicht brauchen diese Talente noch etwas Zeit, bis das Tief durchschritten ist.

-Mit der 29-jährigen Stephanie Beckert hat man eine Sportlerin, die sich in jungen Jahren schon auf Weltklasseniveau befand und 2010 drei Olympiamedaillen gewann. Warum kommt sie aus ihrer nun schon viele Jahre währenden Formkrise nicht heraus?

Da waren Verletzungen. Und mental hatte sie auch ihre Probleme.

-Da gab es den Zwist mit Claudia Pechstein, der Beckert offenbar schwer zusetzte …

Da sage ich jetzt nichts dazu.

-Verbandspräsidentin Stefanie Teeuwen, eine frühere Eisschnellläuferin, muss nun versuchen, die bedrohliche Misere zu überwinden. Wie sehen Sie ihre Chancen, diesen Kraftakt zu bewältigen?

Das ist sicher keine einfache Aufgabe. Aber wenn es gar nicht weitergeht, muss man eben einen Neuanfang machen. In Holland, der führenden Eisschnelllauf-Nation, ist die Lage übrigens nicht viel besser. Da haben bis auf ein Profiteam alle anderen aufgehört. Die stehen so gesehen vor noch einem viel größeren Scherbenhaufen. Der Vorteil der Holländer ist halt, dass die mehr starken Nachwuchs haben.

-Auf Funktionärsebene fehlt dem deutschen Eisschnelllauf eine Figur mit Strahlkraft. Man könnte auch sagen: Es fehlt eine Anni Friesinger-Postma. Haben Sie nicht Ambitionen, als Nothelferin einzusteigen?

Mir wird oft angekreidet, dass ich mich heutzutage nicht genügend für den Sport einsetze. Aber ich habe zwanzig Jahre lang den Eisschnelllauf-Zirkus mitgemacht – und jetzt bin ich in erster Linie Mutter. Das habe ich ganz bewusst so gewählt. Und ich kann mich nicht zerreißen. Ich habe auch noch mein Unternehmen, das ganz viel Kraft und Energie kostet. Ab und zu kommentiere ich noch im Fernsehen. Das mache ich sehr gerne, weil ich den Eisschnelllauf liebe. Aber alles zusammen: Mutter, Beruf und dann auch noch ein Funktionärsamt – das wäre ein Mega-Projekt, das derzeit nicht zu schaffen ist. Da müssten meine Kinder schon größer sein.

„Meine Töchter sind so klein und schon so sportlich. Ich kann’s kaum glauben“

-Ihre Töchter, die sechsjährige Josephine und die dreijährige Elisabeth, haben ja die Gene von zwei Olympiasiegern. Wie steht es denn um ihr sportliches Talent?

Das ist wirklich der Wahnsinn, wie gerne die beiden Sport machen. Die Elisabeth hat mit zweieinhalb Jahren schon einen Skikurs gemacht, sie hat dazu die Motorik. Nach fünf Tagen ist sie schon bei ihrem ersten kleinen Wettkampf gestartet. Die beiden tanzen, turnen, fahren sehr gut Inline, laufen. Wenn ich nur daran denke, muss ich so lachen vor Freude. Die Zwei sind so klein und schon so sportlich. Ich kann’s kaum glauben. Ich bin jetzt schon so stolz auf Josephine und Elisabeth.

-Könnten Sie sich da nicht vorstellen, eines Tages auch als Trainerin Ihre Töchter zu betreuen?

Das würde nicht einfach werden für die beiden. Man würde sie immer mit mir oder ihrem Papa vergleichen. Das kann eine schwere Bürde sein. Wenn sie jedoch unbedingt Eisschnellläuferinnen werden wollen, dann würde ich das natürlich unterstützen.

Das Interview führte Armin Gibis

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