Leverkusen – Nach Abpfiff wurde es zäh für Sven Ulreich, aber der Torhüter des FC Bayern behielt auch da die Nerven. In den Katakomben der Leverkusener Arena war er nach dem 6:2 im Pokal-Halbfinale ein gefragter Gesprächspartner, trotzdem musste er sich gedulden. Ganz ruhig und besonnen stand er da, ein, zwei, vielleicht sogar drei Minuten, während Hasan Salihamidzic vor seiner Nase über die Stärke des FC Bayern referierte. Erst als der Sportdirektor in die Kölner Nacht zog, trat der Mann des Abends an die Mikrofone. Da war Ulreichs Redezeit gekommen.
Man muss kein versierter Branchenkenner sein, um zu wissen, dass jeder Fußballprofi eigentlich froh ist, wenn er ohne ein gesprochenes Wort in den Mannschaftsbus entkommen kann. Die Tricks – Kopfhörer, Telefon – sind seit Jahren dieselben, auch Sven Ulreich kennt sie, nutzt sie aber nie. Macht er einen Fehler, stellt er sich. Spielt er überragend – wie am Dienstagabend –, freilich auch. Mit Lob an der eigenen Person aber geht er stets spärlich um. Sein bescheidenes Fazit nach zahlreichen überragenden Paraden in Leverkusen: „Ich freue mich, dass ich helfen kann und wir eine gute Saison spielen. Das zählt.“
In diesen Momenten, bei diesen Sätzen kommt die Vergangenheit von Sven Ulreich durch. Lange galt der ehemalige Stuttgarter ja – wenn überhaupt – als Bundesliga-Durchschnitt. Er hat oft polarisiert, das schon, aber er stand nie als gefeierter Held derart im Mittelpunkt wie in diesen entscheidenden Wochen in der Rolle des starken Rückhalts beim FC Bayern. Er gab am Dienstag zu, dass es „gelogen wäre“, würde er sagen, „dass man für solche Spiele nicht lebt“. Konkret meinte er das gewonnene Semifinale, der Blick aber ging auch schon voraus. Wenn am 19. Mai in Berlin das Endspiel steigt, ist Ulreich zum dritten Mal nach 2013 (Stuttgart) und 2016 (Bayern) dabei. Die Frage ist: In welcher Rolle?
Ulreich leckt Woche für Woche mehr Blut. „Berlin wäre für mich schon ein Erlebnis“, sagte er, fügte aber schnell hinzu: „Ich weiß, dass ich die Nummer zwei bin.“ Irgendwann in den kommenden Wochen wird Manuel Neuer sein Comeback geben, aktuell absolviert der Nationalkeeper schweißtreibende Doppel-Schichten in München. Ulreich muss abwarten, ob Jupp Heynckes den Langzeit-Verletzten „so weit sieht, dass er im Finale spielt“. Er halte sich bereit – und ist inzwischen mehr als eine gute Alternative.
Die Partie in Leverkusen war ein mal mehr ein Beweis für die Entwicklung, die der 29-Jährige in der laufenden Saison genommen hat. Natürlich fiel das Wort „WM“ nicht nur ein Mal. Und während sich alle Beteiligten – Thomas Müller: „Er ist eine exzellente Option“; Salihamidzic: „Eine Säule in der Mannschaft“; Karl-Heinz Rummenigge: „Ich wünsche ihm die Teilnahme“ – einig waren, wirkte es auch erstmals so, als habe Ulreich umgedacht. Die Entscheidung obliege dem Bundestrainer, aber: „Für jeden Sportler ist es das Ziel, für sein Land aufzulaufen. Klar ist es auch ein Ziel von mir.“
Bisher hat Ulreich exakt null A-Nationalspiele auf dem Konto, und er sei auch „nicht unglücklich, wenn es nicht klappen sollte“. Aber sollte Joachim Löw anrufen, würde er schon abheben. Ob der DFB-Coach seine Nummer habe? Ulreich grinste: „Weiß ich gar nicht.“ Auch da behält er die Nerven. hlr