München – Martin Kind hat ein paar bewegende Tage vor sich. Heute Abend steht die Mitgliederversammlung von Hannover 96 an, wo es vor einem Jahr drunter und drüber ging. Dass der Präsident für die Abschaffung der 50+1-Regel kämpft, stößt auch beim eigenen Anhang auf Widerstand. Am Samstag kommt es zum Duell mit den Bayern.
-Herr Kind, heute ist bei 96 Mitgliederversammlung. Das letzte Mal ging es da sehr turbulent zu. Wie sehen Sie der Veranstaltung entgegen?
Die Mitgliederversammlung im vergangenen Jahr war dem Verein Hannover 96 nicht angemessen. Ich erwarte in diesem Jahr, dass die Spielregeln beachtet werden.
-Wie viel Raum wird 50+1 einnehmen?
Es wird sicher ein Thema werden, aber in angemessenem Rahmen. Wir werden über die aktuelle Lage informieren, aber ich denke, dass die unterschiedlichen Standpunkte an diesem Abend sicher nicht verändert werden.
-Wie sind generell Ihre nächsten Schritte bei 50+1?
Das Präsidium der DFL hatte ja vorgeschlagen, ergebnisoffen über 50+1 unter den Gesellschaftern, also den 36 Vereinen der Ersten und Zweiten Liga, zu diskutieren. Auf dieser Gesellschafterversammlung kam es dann unerwartet zu einem anderen Entscheidungsprozess, nämlich 50+1 zu behalten und rechtssicher zu machen – was auch immer das heißt. Jetzt müssen wir die Aktivitäten des DFL-Präsidiums abwarten, was für vernünftige Lösungen vorgeschlagen werden. Wobei ich auch noch einmal klarstellen möchte, dass unser Antrag auf der 50+1-Regel basiert. Wir wollen nur unseren satzungsgemäßen Anspruch der 20-Jahres-Regel umsetzen.
-Sie waren nach der Gesellschaftersitzung vom Niveau und von den von der Tagesordnung abweichenden Abläufen enttäuscht. Können Sie das erläutern?
Alle Teilnehmer wurden mit einer Tagesordnung eingeladen und gingen davon aus, dass diese auch die Basis der Diskussion ist. Stattdessen kamen plötzlich andere Punkte auf die Agenda. Hier ist das Präsidium gefordert, dass man bestimmte Dinge, die gar nicht auf der Tagesordnung gestanden sind, auch nicht zur Abstimmung zulassen kann. Darüber hinaus war das Diskussions-Niveau schon etwas gewöhnungsbedürftig.
-Die Rolle von Borussia Dortmund wurde kontrovers diskutiert: Reinhard Rauball als DFL-Chef zeigte sich diskussionsoffen, doch sein BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagte sofort, er sei dagegen.
Es irritiert schon, wenn Herr Rauball als Vorsitzender des Präsidiums und gleichzeitiger Vereinsvorsitzender von Borussia Dortmund einen Antrag stellt, und sein Geschäftsführer beim BVB, dessen Chef er ja ist, als Leitender Angestellter der Komplementär-GmbH dagegen stimmt. Das ist eine außergewöhnliche Situation.
-Karl-Heinz Rummenigge schimpfte danach, die Entwicklung der DFL sei bedenklich, ihm fehle es an Führung. Dafür hat er viel Kritik bekommen. Aber Sie gaben ihm Recht. Warum?
Die DFL ist ein Milliarden-Unternehmen. Da braucht es eine entsprechende Struktur und Verantwortliche an der Spitze, die die Herausforderungen der Zukunft annehmen und mögliche Veränderungen vorschlagen oder zumindest diskutieren. Das wäre professioneller. Ich würde mir wünschen, dass die DFL zu gegebener Zeit ihre Organisationsstruktur überdenkt, um den Herausforderungen der Zukunft besser gerecht zu werden. Meine gefühlte Wahrnehmung ist: Man verwaltet den Bundesliga-Fußball, aber man gestaltet ihn nicht.
-Rummenigge vertritt die Meinung, jeder Klub solle selbst entscheiden, wie er die 50+1-Frage händelt. Ist das die Lösung?
Da spricht aus meiner Sicht gar nichts dagegen. Dieser Vorschlag ist gut und konstruktiv, weil er jedem Verein ermöglicht, selbst zu entscheiden, welchen Weg man nach eigener Beurteilung der Situation jetzt und auch in der Zukunft einschlagen möchte. Jeder wäre damit in der Lage, seine eigene Zukunft zu gestalten, in seiner entsprechenden Rechtsform. Es gäbe alle Optionen, etwa ob man Mehrheits- oder Minderheitsgesellschafter aufnimmt, und das ist wichtig, denn nicht jeder Verein ist gleich aufgebaut. Die Vereine sollten freie Gestaltungsmöglichkeiten bekommen. Wobei die Rahmendaten aber definiert sein müssen.
-Was können Sie denn den Fans entgegnen, die bei einer Aufhebung von 50+1 Heuschreckenschwärme fürchten, die die Bundesliga-Klubs binnen kurzer Zeit zerfasern?
Da werden häufig Szenarien aus dem Ausland heraufbeschworen, wobei da oft ignoriert wird, dass sich beispielsweise England ausschließlich für Unternehmensrecht als Basis entschieden hat. In Deutschland haben wir Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim, die bereits jetzt von der 50+1-Regel abweichen – und das sind doch ausnahmslos positive Beispiele. Da kann ich nicht erkennen, dass die Konstellation mit Risiken verbunden ist. Im Gegenteil: Sie gibt vielmehr Sicherheit.
-Wäre denn die Rendite bei einem Bundesligisten überhaupt hoch genug?
Vom Grundsatz her für einen Finanzinvestoren nicht. Finanzinvestoren haben klare Ziele, sie wollen eine angemessene Rendite erwirtschaften und auch die Wertsteigerungspotenziale nach einer bestimmten Frist X umsetzen. Für Finanzinvestoren, da muss man die Fans mal beruhigen, ist der Bundesligamarkt nicht wirklich interessant. Anders sieht es bei strategischen Investoren aus, die nicht unter dem Gesichtspunkt der Rendite und Wertsteigerung einsteigen. Hier kann es eine sehr sinnvolle Partnerschaft geben. Man muss sich da auch mal in das Denken der Kapitalseite versetzen. Ihrem Handeln liegen drei Überlegungen zugrunde: Sie wollen in die Infrastruktur wie Mannschaft, Stadion etc. investieren, den Haushalt genehmigen und die Geschäftsführung berufen. In der Regel wollen sie nicht ins operative Geschäft eingreifen.
-Der englische Investmentexperte Keith Harris sagt, der deutsche Fußball müsse sich dem Großkapital öffnen, sonst bliebe er international auf der Strecke.
Wenn man das internationale Abschneiden aktuell anschaut, findet man diese Analyse schon bestätigt. Aber wir brauchen auch in der Bundesliga dringend mehr Wettbewerbsgleichheit. Die ist unter den aktuellen Umständen keinesfalls vorhanden. National und auch international.
-Ist die Bundesliga eine Zweiklassengesellschaft – oder sogar noch mehr?
Viel mehr. Eine Drei- bis Vierklassengesellschaft.
-Und alles driftet immer weiter auseinander, wenn 50+1 bestehen bleibt?
Das vermute ich, ja. Die Tendenz kann ja keiner bestreiten.
-Über Hasan Ismaik sagten Sie mal, er täte Ihnen leid, weil er bei 1860 eingestiegen sei, ohne das deutsche Recht zu kennen. Wie sehen Sie den Absturz der Löwen in die Vierte Liga – inwiefern spielt es eine Rolle, dass ein Investor aus der Ferne die Geschicke mitzubestimmen versucht?
Als 1860 wirtschaftliche Probleme hatte, gab es außer Herrn Ismaik keinen, der einspringen wollte. Er tat das, vermute ich, ohne die deutsche Rechtsprechung oder das Verbandsrecht richtig gekannt oder verstanden zu haben. Da besteht eine gewisse Bringschuld, aber auch eine gewisse Holschuld. Er hat relativ viel Geld eingesetzt, und die Ergebnisse sind sicher nicht befriedigend. Da haben wir das, was ich vorher angesprochen habe: Es muss Rahmendaten geben, dass nicht in operative Entscheidungen eingegriffen werden kann. Da empfehle ich – auch der DFL übrigens – klare Organisationsstrukturen wie in jedem Unternehmen mit einem Aufsichtsrat, einem Vorstand und eindeutig geregelten Rechten und Pflichten. Wäre Ismaik in den Aufsichtsrat gegangen, hätte er die Rahmendaten gesetzt, und die Geschäftsführung hätte das umsetzen müssen. Aber von außen wild Einfluss zu nehmen, bringt ungeheure Unruhe und ist nicht erfolgreich.
-Ist 1860 also ein Lehrbeispiel, dass man die Strukturen erst festzurrt, ehe man die Tür öffnet?
Spätestens zumindest parallel. Aber besser sollte das vorher geklärt sein.
-Wagen wir einen Blick in die Glaskugel: Ist es in zehn Jahren noch denkbar, dass der FC Bayern und Hannover 96 in der gleichen Liga spielen?
Wenn die Rahmendaten sich nicht ändern: Nein. Eindeutiges Nein. Respekt an den FC Bayern, der seit vielen Jahrzehnten unter professionellen Strukturen erfolgreich ist. Die Bayern sind die einzige internationale Marke des deutschen Fußballs. Sie werden sich weiter erfolgreich entwickeln, Vereine wie Hannover 96 werden den Anschluss unter diesen Rahmenbedingungen nie mehr schaffen.
-Muss der FC Bayern aber nicht auch bald größere Geldquellen erschließen, wenn er international an der Spitze mithalten will?
Wenn ich die Verantwortlichen in München richtig einschätze, denken sie da bereits perspektivisch. Herr Rummenigge sagt ja, dass man Dinge verändern muss. Die Option dazu zu haben, heißt ja noch lange nicht, sie auch zu nutzen. Man nutzt sie dann, wenn man überzeugt ist, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist. Aber die Voraussetzungen sollte man frühzeitig schaffen.
-Ändert sich nichts, ist es dann unabdingbar, dass Bayern eine Europaliga mit Real, Barcelona, Chelsea und Paris aufmacht? Wäre das der Tod des Fußballs?
Ich kann nur sagen, dass ich ein Fan der Bundesliga bin und mir wünsche, dass Bayern uns erhalten bleibt. Der Klub gehört in die Bundesliga. Ob es additiv andere Wettbewerbe geben könnte, kann ich heute nicht beurteilen.
Interview: Andreas Werner