Willkommen im Paradies

von Redaktion

Die eigene Dominanz versetzt die Bayern in einen Rausch – sogar das (Un-)Wort „Triple“ ist erlaubt

von hanna raif

Leverkusen – Eine Zigarre? Nein! Nicht mal ein Glas Rotwein? Nein! „Es gibt heute keine Feier, wir konzentrieren uns auf kommenden Mittwoch“, sagte Karl-Heinz Rummenigge am späten Dienstagabend. Der Vorstandsboss des FC Bayern versuchte, seine ernste Miene nicht zu verlieren, aber irgendwie, ganz am Schluss, bevor er abdrehte, huschte ihm doch noch so ein kleines, vielsagendes Grinsen übers Gesicht. Eines, nach dem es nicht verwundert hätte, wäre auf der Rechnung im Kölner Hotel „Hyatt Regency“ doch gestern Früh beim Auschecken ein edler Tropfen Wein vermerkt gewesen.

Die Botschaft, die der Chef aussenden wollte, war deutlich (weiter, immer weiter), die Umsetzung aber fiel  höchstwahrscheinlich schwer. Denn nicht nur Rummenigge und seinen Sitznachbarn Uli Hoeneß hatte das 6:2 im Pokal-Halbfinale und der damit verbundene 22. Einzug der Bayern ins Endspiel in Berlin in einen kleinen Rauschzustand versetzt. „Das war eine Demonstration der Fußballqualität dieser Mannschaft“, lobte der 62-Jährige: „Fan des FC Bayern zu sein, ist momentan ein Paradies-Zustand.“ Momentan, das heißt in den vergangenen Wochen, die ihren vorläufigen Höhepunkt beim hohen Sieg in Leverkusen gefunden haben. Momentan heißt aber auch, dass dieser Zustand noch nicht zu Ende ist.

Die zweite Hürde nach dem Gewinn des sechsten Meistertitels hat das Team von Jupp Heynckes in beeindruckender Manier genommen. Nicht ohne Fehler, aber gnadenlos effektiv zur rechten Zeit, bärenstark im Kollektiv. Die Tore von Thomas Müller ((52./64./78.), Robert Lewandowski (3./9.) und Thiago (61.) stellten sicher, dass die Abschiedstournee des 72 Jahre alten Trainers noch (mindestens) eine Woche länger gehen wird. Wenn am 19. Mai in Berlin das Endspiel ansteht, wird man noch mal zurückdenken an das Jahr 2013, „damals haben wir unseren letzten Titel mit Jupp auch in der Hauptstadt geholt“, erinnerte sich Müller. Die Aussage war nach Abpfiff in Leverkusen nicht das einzige Anzeichen dafür, dass Träume vom Triple nun offiziell erlaubt sind. Auch Rummenigge verwies sicher nicht ohne Hintergedanken darauf, dass „Berlin sich ja als deutsches Wembley etabliert“ habe.

Zur Erinnerung: Genau dort war 2013 mit „Jupp, Jupp, Jupp“ eine Woche vor dem Endspiel in Berlin der bis dato letzte Champions League-Titel gefeiert worden. Heuer sind die Termine der beiden großen Finals vertauscht, am Ziel aber ändert das nichts. „Wir ziehen jetzt voll durch“, sagte Rummenigge, Dreifach-Torschütze Müller fügte hinzu: „Wir sind durch das Ergebnis nicht in der Euphorie gebremst worden, der Hunger ist noch mehr geworden.“ Maximal acht Spiele stehen noch an, der Blick auf die jüngsten Ergebnisse – unter anderem 6:0 gegen Dortmund, 5:1 gegen Gladbach, 6:2 in Leverkusen – lässt den Glauben zu, „dass alles möglich ist“ (Müller).

Im Pokal, sagte der überragende Sven Ulreich, habe sich derjenige, der Leipzig, Dortmund und schließlich Leverkusen ausschaltet, den Titel verdient. In den Köpfen aber schwirrte nach Abpfiff tatsächlich schnell Real Madrid anstelle des möglichen Finalgegners. Wenn im Moment einer die Königlichen besiegen könne, mutmaßte Rummenigge, „dann Bayern München“. Dass man gerüstet sei für die Revanche im Halbfinale der Königsklasse, habe man unter Beweis gestellt, sagte Robben, aber: „Das wird ein anderes Spiel.“ Konter, Ballverluste und Defensiv-Fehler wie in den schwächeren Phasen in Leverkusen werden kommende Woche in München und sechs Tage später in Spanien wohl härter bestraft werden.

Müller hat schon recht, wenn er sagt: „Bisher haben wir nichts gewonnen – außer die Herzen der Fans.“ Dass aber auch die Bosse im Glückszustand schweben, ist ein gutes Zeichen. Man kann sich sicher sein, dass der Wein für den großen Wurf schon ausgesucht ist. Irgendwo, in einem noblen Hotel in Kiew.

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